Zur aktuellen RAF-Debatte Teil I

Meinungshoheit

Der 26-jährige Romanistikstudent Benno Ohnesorg, nahm am 2. Juni 1967  zum ersten Mal an einer Demonstration teil, genau wie ich. Am Abend war Benno Ohnesorg tot, ein Schuss aus der Pistole des 39-jährigen Kriminalobermeister in Zivil, Karl-Heinz Kurras, zertrümmerte den halb bewusstlos geschlagenen Ohnesorg die Schädeldecke. Er war das erste Opfer  der aufziehenden  Auseinandersetzung um das, was "Wirklichkeit" ist.


Christian Klar und der Mainstream
… oder wie eine Gesellschaft ihre eigenen Kinder in die Kriminalität treibt und bis heute nichts daraus gelernt hat
von El Patio

Nicht die Wirklichkeit setzt unserem „Wollen" Grenzen, sondern das, was wir über diese Wirklichkeit „glauben". Das bestimmt unseren Erfahrungshorizont, diese Wirklichkeit wird „Kultur prägend" in unserem Denken zementiert.

Als die Studenten und Schüler in den 60ziger Jahren anfingen diese „Wirklichkeit" der Aufbaujahre unter Adenauer in Frage zu stellen und sich die nicht aufgearbeitete Vergangenheit des Nationalsozialismus, der Vietnamkrieg und der „Muff unter den Talaren" zu einem unausgegorenen Cocktail mischten, da blockte die herrschende Elite diese Auseinandersetzung ab. Statt auf Dialog setzte sie auf Konfrontation mit ihrem eigenen bürgerlichen Nachwuchs. Die Massenmedien unterstützten Sie in ihrer Haltung und die Springer-Presse baute die demonstrierenden Studenten zu einem neuen Feindbild für die Arbeiterklasse auf, indem sie die Bildungs-Privilegien dieser Mittelstandskinder und ihre Undankbarkeit gegenüber dem Staat und der Aufbaugeneration ständig herausstrich.

Der 26-jährige Romanistikstudent Benno Ohnesorg, nahm am 2. Juni 1967 zum ersten Mal an einer Demonstration teil, genau wie ich. Am Abend war Benno Ohnesorg tot, ein Schuss aus der Pistole des 39-jährigen Kriminalobermeister in Zivil, Karl-Heinz Kurras, zertrümmerte den halb bewusstlos geschlagenen Ohnesorg die Schädeldecke. Er war das erste Opfer der aufziehenden Auseinandersetzung um das, was „Wirklichkeit" ist.

Der enge „Erfahrungshorizont" des Kriminalobermeisters Kurras und seiner Kollegen unterschied sich diametral von dem der demonstrierenden Studenten. Die „Wirklichkeit" der Demonstranten wurde geprägt von dem Buch des irakischen Schriftstellers Bahman Nirumand: »Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder die Diktatur der Freien Welt«, mit einem Nachwort von Hans Magnus Enzensberger - rororo-aktuell Band 945, es erschien im März 1967 und die „Wirklichkeit" der knüppelnden Polizisten war das Bild eines „Märchenprinzen" eines besorgten, um Reformen und Demokratie bemühten Landesvaters, wie es von der Regenbogenpresse und den Medien gezeichnet wurde. Ulrike Marie Meinhof stellt diese beiden "Wirklichkeiten" in dem Mobilisierungs-Flugblatt "Offener Brief an Farah Diba" , das zur Schah-Demonstration aufrief, gegenüber[1].

Die Wirklichkeit der Wissenschaftler, die sich mit dem Persien (Iran) unter dem Schah beschäftigten, durchschnittliche Lebenserwartung eines Persers 30 Jahre, jedes zweite Kind - 50 von 100 - stirbt vor Hunger, Armut und Krankheit, 85 Prozent der persischen Bevölkerung sind Analphabeten, von der Landbevölkerung sogar 96 Prozent oder, von 15 Millionen persischen Bauern können nur 514 480 lesen, Hauptnahrungsmittel sind Heuschrecken,.....etc. fand im Mainstream nicht statt.

Die „Wirklichkeit" der Ökonomen, die von den Gesetzen unserer materiellen Reproduktion bestimmt wird, fand erst recht nicht statt. Der Schah kontrollierte das Monopol an den Opium-Plantagen, das jährlich Millionen einbrachte, er war der Hauptlieferant für den nordamerikanischen Drogenmarkt, noch 1953 war Heroin in Persien unbekannt, die Parallelen zu Afghanistan sind unübersehbar. Auch über die Milliarden, die „sein" Öl der British Petroleum Oil Comp. (BP), der Standard Oil, der Caltex, der Royal Dutch Shell und weiteren englischen, amerikanischen und französischen Gesellschaften einbrachte, fanden sich höchstens versteckte Hinweise im Wirtschaftsteil, der Schah Mohammad Reza Pahlavi war der Garant für die Profite der westlichen Welt und damit ein gern gesehener Staatsgast.

Auch die „Wirklichkeit" der Politik wurde nicht, bzw. nur in Bruchstücken über die Massenmedien transportiert. Die Verstaatlichung des Öls, am 1. Mai 1951 durch den iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh, machte diesen für die westlichen Medien zum Feind und löste eine groß angelegte CIA-Aktion aus, die schließlich zum Sturz Mossadeghs führte und den Schah als amerikanische Marionette auf den Pfauenthron hievte.

Für Lateinamerikaner sind die Parallelen zwischen dem Iran und Guatemala unübersehbar, war es in einem Fall die „Anglo-Iranian Oil Company", so war es in Mittelamerika die „United Fruit Company", deren Interessen vom CIA geschützt wurden, indem sie den mit 65 % der Stimmen gewählten Präsidenten Jacobo Arbenz stürzten. Für die westlichen Medien waren beide demokratisch gewählten Präsidenten Mossadegh genau wie Arbenz, die versuchten in ihren Ländern soziale Reformen durchzusetzen, natürlich von Moskau ferngesteuerte Kommunisten, die den westlichen Wertekanon bedrohten.

Die „Wirklichkeit" existierte nicht im „Gedacht werden" der Mainstream-Konsumenten.

Der erste, der das erkannte, war Platon (oder sein Lehrer Sokrates, oder ...?), er beschrieb diesen Vorgang, indem er Sokrates das berühmte Höhlengleichnis erklären ließ, immer noch die fundierteste Kritik unserer Medienwelt fast 2500 Jahre alt und immer noch hochaktuell.

Wir leben in und mit, wie in Platons Höhlengleichnis" verschiedenen „Realitäten". Sie unterscheiden sich, existieren aber gleichberechtigt und unabhängig voneinander. Ihre Unterscheidung in reale, visuelle, mediale, geträumte, halluzinierte, konstruierte etc. ist rein willkürlich, wie uns heute führende Neurobiologen nachweisen. Unsere aus der Tradition erwachsenen Vorstellungen von dem, was Geist, was Bewusstsein oder für viele, was Seele ist, und wie sie sich im Gehirn organisieren, wird von der Neurowissenschaft seit den letzten Jahren versucht immer wieder neu zu beantworten.

Die Herstellung und Verschiebung von „Realitäts-Relationen" dient der Absicherung und Erhaltung von Macht. Ökonomischer und damit politischer Macht. Die Aufgabe der Massenmedien besteht darin, diese Realitäts-Relationen zugunsten und im Interesse der jeweiligen nationalen Elite zu festigen bzw. zu verschieben. Realitäts-Relation ist nichts anderes, als „gesellschaftlicher Glaubens-Prozess", Volkes-Stimme, oder die geistige Lufthoheit über den Stammtischen.

Hrant Dink, Chefredakteur der armenisch-türkischen Wochenzeitung Agos, ist in Istanbul vor dem Redaktionsgebäude der von ihm 1996 gegründeten Zeitung ermordet worden. Das Klima für diese Tat wurde von der staatlichen Gewalt gefördert. In einem absurden Verfahren machte die Justiz Hrant Dink zum ersten Opfer des damals neu modifizierten berüchtigten Paragrafen 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der die "Beleidigung des Türkentums" unter Strafe stellt. Das Gerichtsverfahren wurde zum Spießrutenlauf, angeheizt von Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Hass auf Andersdenkende und Andersaussehende. 32 Stunden nach der Tat wird der weitgehend geständige 17-jährige Schütze gestellt. Ist er Täter oder Opfer?






Der 23 Jahre alte Münchner Arbeiter Josef Erwin Bachmann stieg am 10. April 1968 um 21.52 Uhr in den Nachtexpreß nach Berlin ein, in seinem Gepäck hatte er einen alten Colt versteckt und in seinem Kopf ein klares Feindbild. „Ich war so im Hass, ich hatte so eine Wut", antwortete Josef Bachmann später dem Richter auf die Frage, warum er denn geschossen habe. "Sie kannten ihn?", fragte der Richter Bachmann: "Man kennt ihn von Bildern". Richter: "Und dann?" Bachmann: "Dann sagte ich, du dreckiges Kommunistenschwein. Dutschke kam auf mich zu, und ich zog den Revolver und schoss den ersten Schuß." Täter oder Opfer?[2]

Denn wie einst bei Platon die Schattenbilder an der Höhlenwand „Realität" vorgaukelten, so taten es auch die Medien, im Fall des Arbeiters Josef Erwin Bachmanns und des Attentäters von Hrant Dink, denn dass, was die jeweilige Gesellschaft über die Welt weiß, das weiß sie aus den Massenmedien, hier formt sich das Bewusstsein.

Es ist eben nicht die „Realität", die unser Leben regiert, es ist unsere Wahrnehmung dieser Realität und so wird für viele, die sich um einen anderen Blick auf die „Realität" bemühen, eben aus CNN – „Brainwashington".

Damals war für die Studenten dieser Zusammenhang noch klar, deshalb war für sie der Hauptschuldige an den Mordanschlag Axel Springer. Es waren und sind seine Zeitungen, die erst die Voraussetzungen für eine solche Tat geschaffen haben.

Doch die „Diskussionsmacht" lag nicht bei den Demonstranten. Nicht sie steuerten den „Glaubensprozess" der Bevölkerung, nicht sie gaben die Fliesrichtung vor, die die Wahrnehmungen eindämmt, die Schleusen und Staustufen im „Gedankenprozess" errichtet und immer darauf bedacht ist, ein Ausufern der Diskussion, eine intellektuelle Überschwemmung zu verhindern. Nicht sie kanalisierten die öffentliche Diskussion, nicht sie speisten die „Medien-KANÄLE".

Die gut präparierten "Molotowcocktails", die an dem Abend der Demonstration vor dem Springer Verlag reißenden Absatz fanden, kamen vom Verfassungsschutz, dessen politischer Chef auf dem Dach eben dieses Springer-Hochhauses stand. Als kurz nach Mitternacht die ersten Auslieferungswagen von 'Morgenpost' und 'BZ' in Flammen aufgingen, obwohl kaum hundert Meter entfernt einsatzbereite Wasserwerfer standen, so daß etwa fünf Wagen ausbrannten, hatten die Studenten endgültig die „Diskussionsmacht", die vorgibt mit „Volkes-Stimme" zu sprechen, verloren.

"Um die Machtausübung zu bewahren, ist es notwendig, sich zu gewissen Zeiten des Terrors zu bedienen", befand schon der berühmte Staatsphilosoph Niccolo Machiavelli im 16. Jahrhundert. Der politische Chef des Verfassungsschutzes hatte seinen Machiavelli gelesen und perfekt umgesetzt. Die in ihren bürgerlichen Idealen gefangenen Studenten, mit ihren „Moralpostulaten" an Politik und Medien konnten jetzt im Mainstream kriminalisiert werden. Auch diese Zusammenhänge habe ich erst sehr viel später begriffen, damals überwog auch bei mir die Wut auf das „Schweinesystem".

Da nur das wahr ist, was in den endlosen Wiederholungsschleifen der Medienkanäle ständig penetriert wird und in ihren Echokammern verstärkt wird, wurde die Demonstration vor dem Springer-Verlag und die sich daran anschließenden Oster-Unruhen zum „unbegreiflichen Terror" , der zum Angriff auf die bürgerliche Demokratie geblasen hatte und die Pressefreiheit bedrohte. Diese Ereignisse bekamen damals eine „Realität", nachdem sie im medialen Bewusstsein angekommen waren, die nichts mit der „Wirklichkeit" zu tun hatte. Aber nicht der Realitätsgehalt eines studentischen Flugblattes, nicht der Protest und die Argumente der Studenten, sondern die Wiederholungsraten - der Penetrationsgrad- im Mainstream entscheidet darüber, was sich als Wahrheit etabliert.

Natürlich glaubt jeder, selbst der unselbstständigste Kopf, in seinem eigenen Bewusstsein souverän zu sein, er glaubt, absoluter Herrscher über seine Gedanken und seinen Willen zu sein. Keine Illusion wird in der bürgerlichen Demokratie zäher verteidigt.

Da kann der damalige CIA-Chef Allen Dulles seine Operation Mockingbird initiieren, die dafür sorgt, dass in allen großen Nachrichtenmedien wie der New York Times und dem Fortune Magazine wichtige Leute sitzen, die mit der Verbreitung einer entsprechend linientreuen Propaganda die öffentliche Meinung nachhaltig beeinflussen, da können Informationen ans Tageslicht kommen, die belegten, dass viele Chefs von namhaften Nachrichtenagenturen wie CBS, ABC TV, NBC, Reuters, Newsweek und Time in diese Affäre verstrickt waren, da können Beweise vorliegen, dass bei der New York Times diverse Artikel vor ihrer Veröffentlichung von der CIA gegengelesen und zensiert wurden, und trotzdem hält sich der Aberglaube, der einzelne könne im eigenen Bewusstsein, wenn schon nirgends sonst, Herr im Hause bleiben.

Dass das ein überlebter philosophischer Ansatz ist, von Descartes (1596-1650) bis Husserl (1859-1938), dass das bürgerlicher Idealismus ist, der nur hilft die wahren Machtverhältnisse zu verschleiern, das steht nicht im Mainstream. Nicht Descartes „cogito, ergo sum", ich denke, also bin ich, und nicht die Phänomelogie der reinen Ideen von Husserl bestimmen unser Bewusstsein, sondern die „Bewusstseins-Industrie", die Massenmedien mit ihren Informationskanälen steuern unser Denken und unsere Wahrnehmung der Welt. Wir denken nicht, wir werden gedacht.

Der Fernsehsprecher Williams Armstrong erhielt 240 000 Dollar dafür, dass er regelmäßig positive Kommentare zum Bildung- und Erziehungsprogramm von George Walker Bush absonderte und dafür sorgte, das Erziehungsminister Rod Page und seine Ministerialbeamten eingeladen wurden, um in der „Americas Black Forum Show" unter der schwarzen Bevölkerung Stimmung für die Bush Administration zu machen. Konservative Kommentatoren der großen Polit-Shows erhielten direkte Zahlungen und im Januar 2005 kam heraus, dass sogar drei Medienunternehmen Zahlungs-Verträge mit der Regierung abgeschlossen hatten.

Das große Spiel der Schatten auf der Höhlenwand läuft noch immer weiter ...

Quellen:
01. » infopartisan.net 
02. » glasnost.de 

Publiziert am: Dienstag, 14. August 2007 (4943 mal gelesen)
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Danke für die Kugel

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