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Im Streit um den Gifttod des russischen Ex-FSB-Agenten Alexander Litwinenko in London schließen die USA Strafmaßnahmen gegen Russland nicht aus. Das erklärte US-Regierungssprecher Josh Earnest am Donnerstag in Washington. »sputniknews.com

 


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Spitzmarke*
von Volker Bräutigam**

Ein Untersuchungsrichter äußert eine Meinung. Sein wichtigstes Wort ging völlig unter: »"probably". Er weiß also nichts, sondern nimmt etwas nur an. Das sollte als allererstes bedacht werden, bevor 'ne Empörungswelle gegen Putin hochkommt. Wie wäre es mit der Unschuldsvermutung? Gilt nicht für Russen oder was?

Richter sind keine Alleswisser, sie tun nur häufig so. Der in London ist ein typischer Vertreter der extrovertierten Sorte. Voll von sich und seiner Bedeutung überzeugt. Beweise hat er für seine tollen Erkenntnisse zwar nicht vorgelegt, nur Indizien, die aber sind sehr schön und stark interpretierbar. Der Versuchung hat der Mann jedenfalls nicht widerstanden.

Gerichte, die sich an solche politischen Geschichten machen, sind nicht unabhängig. Sie folgen selbst einer politischen Agenda, mit jeder Menge Aussagen und Unterlagen von Geheimdiensten. In diesem Fall eindeutig einer transatlantischen Agenda. Wir hören einen britischen Untersuchungsrichter, keinen Vorsitzenden einer Spruchkammer des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.




 

Jedes Land sorgt normalerweise dafür, dass solche Auftragsmorde wie hier - wenn es denn Mord war und nicht doch ein Unfall - im Namen der Staatsregierung, aber ohne ausdrückliches Wissen und Ja-Wort der obersten Repräsentanten erfolgen. Damit diese immer natürlich auftreten und sagen können, sie wüssten davon nichts. Normalerweise gilt ja noch als schändlich, wenn ein Staatspräsident einen Mord an einem Gegner befielt. Auf die Ausnahme komme ich gleich noch. Selbst wenn die russische Geheimdienstleitung tatsächlich den Mord befahl, dann ist damit noch lange nicht die Spur eines Beweises erbracht, nicht mal eines Indizes, dass Präsident Putin davon wusste - oder es gar selbst angeordnet hat. Auch wenn es sein Interesse gewesen sein sollte, den Überläufer tot zu sehen. Beweise für diese unmittelbare Beteiligung Putins hat der Richter nicht vorgetragen, nicht mal Indizien, er befand sich hier weit draußen auf dem Feld der reinen Spekulation. Er hat sich dort offenbar wohlgefühlt, ganz der Auftragnehmer politischer Institutionen.

Das alles hätte in den Nachrichten unbedingt klarer herausgearbeitet werden müssen. Das geschah aber nicht, sondern die richterliche Shownummer wurde als Menü vollendeter Tatsachen und als erwiesener Vorgang aufgezogen. Putin ist ein Mordauftraggeber, das war die Aussage der Meldung. Und sollte in die Köpfe der Zuschauer genagelt werden.

Und nun auf dem Gipfel der antirussischen Entrüstungswelle drehen wir uns mal um und schauen nach Westen. Und betrachten die Ausnahme vom menschlichen Anstand, der auch für Präsidenten gilt. Da sitzt in Washington ein Präsident im Weißen Haus und unterzeichnet jeden Dienstag Listen mit Namen von Leuten, die in seinem Namen ermordet werden sollen. Wobei regelmäßig per Drohne auch Unbeteiligte gleich mit ins Jenseits befördert werden. Ohne Frage ist er ein Massenmörder, auf sein Konto gehen bereits dreitausend Tode mehr, als sein Vorgänger „Dabbeljuh“ Busch umbringen ließ. Er ist Massenmörder zu nennen, wie ich es wiederholt öffentlich gemacht habe, denn seine Tätigkeit wurde dokumentiert und sogar schon ganz formell im Fernsehen gezeigt: als er mit Hillary Clinton zusammen und mit anderen Kriminellen in seinem Büro über Direktleitung zuschaute, wie seine Navy Seals einen alten Mann, angeblich Osama bin Laden, in Pakistan umbrachten, zusammen mit ein paar zufälligen Opfern in dessen Umgebung (die üblichen Kollateralschäden). Ein Fall ohne Gerichtsurteil, einfach so, ohne dass jemals ein Beweis über bin Ladens Beteiligung an dem Terrorakt 9/11 erbracht und geprüft und gerichtlich beurteilt worden wäre. Und mit nach Vollzug des Mordes begeistert applaudierender und lachender Auftraggeberclique im Weißen Haus. Doch hier waren unsere Medien vorsichtig. Den Obama beschuldigen sie nicht des Mordes, wie das jetzt im Fall Putin bei weit weniger dichter Beweis- und Argumentationslage selbstverständlich geschah.

Was also halte ich von dem „Information"sangebot gestern Abend? Nichts.

Was halte ich von Leuten, die solchen Nachrichtendreck verbreiten? Noch weniger als nichts.

 

© Volker Bräutigam

Grafik: © mit freundlicher Genehmigung www.egonkramer.de

*Als »Spitzmarke wird vor allem im Journalismus eine einleitende Information zu Beginn einer Nachricht oder einer Pressemitteilung bezeichnet.

**»Volker Bräutigam war von 1975 bis 1985 Redakteur in der Tagesschau-Zentrale Hamburg und auch danach noch, bis 1995, beim öffentlich-rechtlichen NDR (in der Hauptabteilung Kultur) als Journalist tätig. Er schreibt heute für die Politik-Zeitschrift Ossietzky. Als Nachfolgerin der "Weltbühne" orientiert sie sich strikt an diesem Vorbild. (s.a.»http://ossietzky.net).

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