aktuelle News Hamburg - Die Hamburger Alumiumwerke (HAW) mit 550 Mitarbeitern werden nach Informationen der "Bild"-Zeitung zum Jahresende geschlossen. Weitere 400 Arbeitsplätze sind in Zulieferfirmen und Service-Betrieben der HAW gefährdet, berichtet das Blatt in seiner Mittwochsausgabe.
Die HAW-Gesellschafter Alcoa (USA), Norsk Hydro (Norwegen) und Amag (Österreich) hätten die Stilllegung wegen der hohen Hamburger Strompreise beschlossen. Seit 2000 sind sie nach Berechnungen des Industrieverbands Hamburg (IVH) um 43 Prozent gestiegen.
Die Aluminiumwerke verbrauchen jährlich rund zwei Milliarden Kilowattstunden Strom. Sie sind damit der mit Abstand grösste Industriekunde des staatseigenen schwedischen Vattenfall-Konzerns, der die Hamburgischen Electricitätswerke gekauft hat. Der Vorstandschef der Norddeutschen Affinerie und IVH- Vorsitzender, Werner Marnette, sagte zur Situation bei den HAW: "Es ist bitter, wie es mit dem Industriestandort Hamburg bergab geht. Wenn Vattenfall nur geringe Preiszugeständnisse machen würde, könnten die Beschäftigten der Aluminiumwerke ihre Arbeitsplätze behalten." Der schwedische Staatskonzern sei aber zu keinen Konzessionen bereit. HAW-Vorstandschef Hans-Christoph Wrigge dementierte, dass die Werksschliessung bereits beschlossen sei. Er kündigte noch für diesen Monat eine Pressekonferenz zur Zukunft des Unternehmens an.
dpa-Meldung, 08.06.2005 (10:18)



Warum die Hamburger Aluminium-Werke wirklich schließen müssen

von Tilo Schönberg

Mal davon abgesehen, das diese Meldung nicht ganz vollständig ist, weil von den Schließungen bei Hydro auch Stade und damit nochmal rund 500 Arbeitsplätze betroffen sind - ein deutliches Signal an alle, oder? - der Keks ist gegessen und die Schweden haben den schwarzen Peter. Diskussion zwecklos, wir können eh nix mehr machen und zum Jahresende ist die Bude dicht. Andere Hydro-Werke in Deutschland, wie etwa in Neuss, atmen auf: uns hats nicht getroffen - so, oder so ähnlich lässt sich die derzeitige Situation der HAW und bei Hydro wohl beschreiben.
  
Doch diese Geschichte würde so zu kurz greifen.
Um das Dilemma zu verstehen, muss man weiter zurückschauen. Z.Bsp. ins Jahr 2002, als die HAW an das Konsortium verkauft wurden. Da liest sich die Pressemeldung nämlich noch so:

E.ON verkauft VAW Aluminium an Norsk Hydro
"Wie der E.ON-Konzern am 7. Januar mitteilte, verkauft er die VAW Aluminium AG an die Norsk Hydro ASA. Die Transaktion bedarf noch der kartellrechtlichen Freigabe und soll im ersten Quartal 2002 vollzogen werden. Der norwegische Aluminium-Konzern erwirbt damit einen der größten europäischen Hersteller und Weiterverarbeiter von Aluminium für Abnehmer aus der Verpackungs-, Automobil-, Bau-, Druck- und Transportindustrie. Durch den Zusammenschluss entsteht ein Unternehmen, das mit rund 10 Milliarden Euro Umsatz der führende Aluminium-Anbieter in Europa ist und weltweit auf dem dritten Platz liegt. Im Verkaufpreis von insgesamt 3,1 Milliarden Euro sind Finanzverbindlichkeiten und Pensionsrückstellungen in Höhe von 1,2 Milliarden Euro enthalten. E.ON erzielt aus dem Verkauf einen steuerfreien Gewinn von rund 1,1 Mrd. EUR." » [Quelle]

Da war die Welt also noch in Ordnung und allein mit dieser Meldung lässt sich die Mär von den viel zu hohen Strompreisen ad absurdum führen. Wenn nämlich die Preise schon seit 2000 so enorm - um immerhin knapp 50% bis heute! - angezogen hätten, dann wäre doch diese Preisentwicklung in die Kalkulationen von Hydro & Co. garantiert mit eingeflossen. Alles andere wäre grob fahrlässig und geschäftsschädigend.

 





 

Also halten wir fest: 2002 waren die HAW noch führend in Europa und 2005 sind sie nicht mehr tragfähig. Allein das ist der derzeitige Fakt. Nichts anderes. Und jetzt verabschieden wir uns mal gedanklich von den Strompreisen und surfen via Internet auf die Hompage von Hydro und stolpern dort über eine Pressemeldung:

Qatar Petroleum und Hydro planen gemeinsames Aluminiumprojekt

"Oslo (2004-12-05): Heute unterzeichneten Seine Hoheit Abdullah Bin Hamad Al-Attiyah und Eivind Reiten, der Vorsitzende der Konzernleitung von Hydro, in Doha eine Eckpunktevereinbarung zwischen Qatar Petroleum und Hydro. Abdullah Bin Hamad Al-Attiyah ist Zweiter stellvertretender Ministerpräsident und Energieminister von Katar sowie Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer von Qatar Petroleum.

Qatar Petroleum und Hydro planen, eine der weltweit größten Aluminiumhütten in Katar zu errichten. Katar ist ein günstiger Standort, um die Märkte in Asien,Europa und Nordamerika mit Aluminiumprodukten zu versorgen*. In der Anfangsphase soll die Hütte eine Kapazität von 570.000 Tonnen Primäraluminium haben.

Qatar Petroleum gehört zu den großen Erdgasproduzenten und hat seine Gasreserven zur Entwicklung von mehreren großen Industrieprojekten genutzt. Die Aluminiumproduktion wird ein neuer Schritt sein, um die Industrie in Katar zu diversifizieren. Für Hydro als eines der drei größten integrierten Aluminiumunternehmen der Welt stellt dieses Projekt eine wichtige strategische Investition dar, die dazu beitragen wird, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens im Bereich Primäraluminium zu verbessern und seine internationale Position weiter zu festigen.

Das geplante Projekt umfasst den Bau einer Aluminiumhütte mit Anodenfabrik und Gießerei sowie ein eigenes Kraftwerk, das die Stromversorgung gewährleisten soll. Die Produktion wird auf der von Hydro entwickelten Elektrolysetechnologie basieren. Die Anlage wird im Industriegebiet von Mesaieed südlich von Doha errichtet und soll laut Plan 2009 voll in Betrieb sein." » [Quelle]

Hier wird also genau das neu gebaut, was man in Hamburg (und nicht zu vergessen Stade!) gerade auf den Müll geworfen hat. Nur viel billiger. Katar macht das, was jeder macht, wenn seine natürlichen Ressourcen zur Neige gehen; es nutzt seine erheblichen finanziellen Mittel und kauft sich ganze Industriezweige für seine Zukunft - auf deutsch: Man bläßt Hydro soviel Zucker in den Arsch, das die Norweger vor lauter Dollarzeichen gar nicht mehr anders können. Das benötigte Kraftwerk stellt seine Hoheit gleich mit hin - umsonst natürlich. 

Dies bedeutet im Umkehrschluss, das die HAW nie wirklich eine Chance hatten. Katar ist der Grund, warum ein führender Aluminium-Hersteller innerhalb von nur drei Jahren in die Grütze gehen muss . Nicht Vattenfall ist Schuld -sondern purer, menschenfeindlicher Kapitalismus. Warum das nicht so in der Zeitung steht - dann würde man ja Gefahr laufen, die gesamte europäische Hydro-Beschäftigten gegen sich aufzubringen. Es ist doch viel einfacher, die Werke so nach und nach dicht zu machen - und schmerzfreier für die Konzernleitung. Stellen sie sich mal vor, das Neusser Hydro-Werk mit einem Jahresausstoß von über 500.000 to. Aluminium hätte sich dem Protest in Hamburg angeschlossen. Aua! Aber, liebe Hydro-Belegschaft, ihr dürft ruhig weiterschlafen. Noch bis 2009 wahrscheinlich.

Ein letztes Zitat aus der Pressemitteilung:
"Das Projekt umfasst Stromerzeugung, Aluminiumproduktion sowie eine Anodenfabrik, ferner eine Gießerei, die Metall zu Gussprodukten weiterverarbeiten wird.
Für die Aluminiumproduktion ist in der ersten Phase eine stabile Stromversorgung von gut 1.000 MW vonnöten. Dafür wird ein eigenes Kraftwerk gebaut. Es ist vorgesehen, die Produktionskapazität der Aluminiumhütte in der nächsten Ausbauphase mehr als zu verdoppeln, und zwar auf 1,2 Millionen Tonnen pro Jahr*."

In Hamburg sacht man Tschüß.
Tschüß Neuss ...

(*Hervorhebungen von 0815-Info)
» © 0815-Info.com, 14.07.2005