aktuelle News

Die neoliberale Hyperglobalisierung hat die Welt in ein Tohuwabohu gestürzt. Überzeugt von dem, was er als Krieg der Kulturen konstruiert, antwortet der Westen einmal mehr mit Krieg. Wer stattdessen das globale Durcheinander mit friedlichen Mitteln beilegen will, wird auf die Ebenen nachdenken: Zuerst über die Frage, warum und wie der globale Krieg der Kulturen gewaltfrei zu vermitteln ist; dann klären, woran sich interkulturelle Mediation, d.h. Konfliktvermittlung und Integration im Innern Europas zu orientieren haben, drittens ergründen, weshalb interkulturelle Mediationsarbeit die Beteiligten vorab moralisch herausfordert.

 


stimmung.jpg

Prolog: Vom globalen Tohuwabohu und verqueren Versuchen, es zu bereinigen
von Verena Tobler Linder*

Wenn man es recht besieht, dann ist überall Schiffbruch.
Petrarca

Handy und Internet haben einen neuen Weltinnenraum geschaffen, in dem Elend und Überfluss jäh aufeinanderprallen. Terrorgeschichten und Bilder von Massenfluchten lassen vergessen, dass beide, Terrorismus und Völkerwanderung, Resultat der global hoch ungleichen Strukturen sind. Dabei meint „Struktur“ die machtmässige Gliederung einer Gesellschaft - auch der derzeitigen Weltwirtschaft; „Macht“ - im Zusammenspiel der ungleich verteilten technischen, wirtschaftlichen und juristischen Mitteln etabliert - erlaubt es den Stärkeren, ihren Willen den Schwächeren aufzuzwingen. Derzeit setzen die global Mächtigen in Wirtschaft und Politik ihre neoliberale Wirtschaftsordnung gegen den Rest der Welt durch. Denn sollen das Kapital und die Profite von Reichen und Superreichen, transnationalen Konzernen und Aktionären grenzenlos weiterwachsen, müssen Güter, Finanzen, Arbeitskräfte frei zirkulieren können. Erst wenige realisieren, dass auf diese Weise die UNO-Ziele der ökologischen Nachhaltigkeit umgangen werden und sich die Interessengegensätze zwischen reich und arm im globalen und im nationalstaatlichen Raum laufend vertiefen.

Der Westen mutiert zum imperialen Machtkonglomerat, in dem erneut Militärstrategen das Sagen haben: Westliche Grossmächte zetteln mit ihren Finanzspritzen, Waffenlieferungen und NGOs in armen Staaten Bürgerkriege an, stürzen missliebige Staatsführer, versuchen, diese sog. failed states im Namen der re-sponsability to protect zu rekolonisieren und verursachen dann mit ihren Drohnen und Bomben gewaltige Kollateralschäden. Jahr für Jahr werden so Hunderte militante Kämpfer und noch weit mehr unschuldige Zivilisten getötet – etwas, das die Zahl von Terroristen und Terroropfern „vor Ort“ rasch ansteigen lässt. Die unschuldigen Zivilisten in den Kapitalzentren wundern sich dann, wenn sie ebenfalls attackiert werden. Dabei verrät ein nüchterner Blick, dass Hans was Heiri ist: der Teufelskreis der Gewalt wird von beiden Seiten als Heiliger Krieg betrieben. Der westliche Glaube ans ewige Wachstum mit grenzenlosen Märkten und Ressourcen wird konterkariert vom Glauben an rechtlich verbindliche und restriktive Religionsregeln, mit denen die Menschen an den globalen Rändern mit ihren begrenzten Ressourcen überleben.

Inzwischen ist auch in Europa der Teufel los. Soziale Polarisierung, Einwegmigration und kulturelle Heterogenität bringen unseren Wohlfahrtsstaat unter Druck. Die Reichen werden reicher, die Zahl der Armen wächst, die Last der Neuankömmlinge zersetzt die Normen um die Erwerbsarbeit und höhlt die nationalterritorial organisierten Solidareinrichtungen aus: ImmigrantInnen aus aller Welt zapfen die bislang exklusiven Club-Güter der einstigen Arbeiteraristokratie an. Vorbei ist es mit jener „Meistbegünstigungsklausel“, die hierzulande einst zum Schulterschluss zwischen Kapital und Arbeit geführt und dafür gesorgt hat, dass die Demokratie problemlos funktionierten konnte. Vorbei jene Phase des klassischen Liberalismus, in der die hiesige Exportwirtschaft dank ihren Produktivitätsvorsprüngen wachsen konnte und der Profit geteilt werden musste, weil beide, Kapital und Arbeitskraft, noch primär nationalterritorial verwurzelt waren. Unter dem Regime des Neoliberalismus nehmen die sozialen und wirtschaftlichen Disparitäten enorm zu. Zwar fluten inzwischen einige Multimilliardäre das Erdenrund mit Megaspenden1 - ein Rückgriff auf die klassische Barmherzigkeit, der die Idee der Gerechtigkeit im Gülleloch der Gnade ersäuft und es den Großmächtigen erlaubt, die Welt in ihrem Sinn zu gestalten. Viele NGOs lassen sich vor den Karren finanzkräftiger Stiftungen spannen, die mit ihren neuen Formen der Caritas jene Hyperindividualisierung vorantreiben, mit der die Verwerfungen gemildert und die Hyperglobalisierung legitimiert werden soll. Blind dafür, dass Hyperglobalisierung und Hyperindividualisierung zusammengehören, blenden wir aus, dass beide die Demokratie unterlaufen, die nahräumliche Solidarität und die nationalterritoriale Integration zersetzen. Und wir übersehen, dass sich damit die Macht erst recht im weltwirtschaftlichen Hochoben konzentriert und die Abhängigkeit vom Gnadentum der Superreichen vertieft.
Soviel zu einigen Schattenseiten des Tohuwabohus.

Es gibt auch Positives zu melden. Die vielfältigen Konflikte und die medial verbreiteten Bilder und Schicksale lassen die realwirtschaftlich längst globalisierte Welt endlich in unsere Herzen und Köpfe eindringen. So beschloss die UN-Generalversammlung 2011, die „Mediation“ zu fördern: die Kunst, Konflikte friedlich beizulegen. Doch wie immer, wenn starke Emotionen im Spiel sind, kommt das Nachdenken zu kurz - auch bei der UNO! Bereits in der Menschenrechtsdeklaration von 1948 wurde die Frage tabuisiert, wie diese Rechte in reichen Nationen finanziert werden bzw. wie sie in armen Staaten finanzierbar sind2. Wer den Konnex zwischen Wirtschaft und Recht verleugnet, ist strukturblind und blendet aus, dass manche Menschenrechte an den weltwirtschaftlichen Rändern nicht greifen können, weil das Recht auf eine global ausgeglichene Wirtschaftsordnung fehlt - die größte Unterlassungssünde im Menschenrechts-Katalog.

Aus dem globalen Tohuwabohu greife ich im Folgenden nur eine einzige Konfliktlinie auf: Jene, die sich um die strukturbedingte Kluft zwischen den weltwirtschaftlichen Zentren und ihren Rändern aufgeschaukelt hat. Entlang dieser Linie scheinen sich Konflikte an kulturellen oder religiösen Merkmalen zu entzünden. Solange diese Bruchlinie begrifflich nicht adäquat erfasst ist und die Konzepte fehlen, um mit den Konflikten all-parteilich umzugehen, bleibt die Situation gefährlich - an den Rändern, zunehmend auch in den Zentren. Die Mediation ist ein Verfahren zur einvernehmlichen Konfliktlösung, das von unparteilichen Dritten angeboten wird und an dem die KontrahentInnen freiwillig teilnehmen. Friedlich beilegen lassen sich die erwähnten Konflikte freilich nur, wenn MediatorInnen sich die global so disparaten Sachlagen kontextspezifisch erschließen, die jeweiligen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen fürs kollektive Überleben klären und darauf verzichten, zu moralisieren. Anforderungen, die nun in drei Kapiteln erläutert und auf drei Ebenen beleuchtet werden: Zuerst global-international, dann national-territorialstaatlich, schließlich individuen-zentriert bzw. personen-orientiert. Die uns fremden Sachlagen werden mit kurzen Beispielen illustriert, zudem werde ich zwei Arbeitsinstrumente präsentieren. Die Konflikte verstehen und vermitteln kann allerdings nur, wer als Person zweierlei mitbringt: Ambiguitätstoleranz - die Fähigkeit, Widersprüche im Fühlen und Denken auszuhalten; und den Mut, Licht und Schatten zusammenzusehen - im Eigenen und im Fremden, in Gesellschaften und Personen. Damit sind auch die Leserinnen und Leser herausgefordert.

1. Herausgeforderte Mediation: für einen fruchtbaren Umgang mit dem sog. Krieg der Kulturen

Die Welt ist alles, was der Fall ist.
L. Wittgenstein

Jetzt wird erläutert, weshalb es zur erwähnten globalen Bruchlinie kommt und wie die von ihr evozierten Konflikte zu verstehen sind. Doch das Wichtigste sei vorangestellt: Was derzeit weltweit als Kulturkrieg inszeniert wird, ist einvernehmlich und dialogisch zu vermitteln, weil nur so jener Lernprozess in Gang kommt, auf den wir Menschen fürs überleben auf dem Blauen Planeten so dringend angewiesen sind3. Mediation kann zu diesem Lernprozess beitragen, wenn sie die strukturbedingten Disparitäten unparteilich erfasst und die damit verbundenen Unterschiede in den Sozialordnungen für alle Parteien transparent und einsichtig macht. Weil die Konfliktparteien freiwillig an den Verhandlungen teilnehmen sollen, ist zudem von allen Seiten und für alle Seiten Respekt gefordert. Doch weshalb kommt es überhaupt zu Kulturkonflikten?

In seinem Buch clash of civilization hat S. P. Huntington4  zwar Kulturkriege prognostiziert, jedoch deren Ursachen nicht erfasst. Strukturblind übersieht er, dass und wie die global einst so vielfältigen Kulturen und Gesellschaftsformationen im Rahmen der Weltwirtschaft umgestaltet wurden. Die Disparitäten, welche die heutige Weltwirtschaftsordnung prägen, reichen über den einstigen Gegensatz zwischen reichen und armen, industrialisierten und vorindustriellen Ländern jedoch weit hinaus. Im Rahmen des technologisch-wirtschaftlichen Machtgefälles konnte der Westen seine eigenen Volkswirtschaften und diejenigen der jungen Staaten, die nach der Entkolonialisierung entstanden, in einer Weise aufeinander beziehen, welche die Welt zunehmend in zwei gegensinnige Teile zerfallen lässt: Die bereits Mächtigen haben sich über ihren grenzenlosen Zugriff auf die globalen Ressourcen einen unzulässigen Ressourcenverbrauch angemaßt. Unzulässig, weil dieser Zugriff weder ökologisch noch sozial nachhaltig ist: Er bringt Klimaveränderungen und macht, dass arme Regionen - relativ, aber auch absolut - weniger Ressourcen zur Verfügung haben als die Mächtigen dieser Welt - ein explosiver Gegensatz. Werden diese ungleichen Strukturen nicht beachtet, wird friedliche Konfliktvermittlung zum frommen Wunsch. Stattdessen kommt es zu neuartigen Kriegen, die weltweit Angst erzeugen5.

Wer stattdessen die sog. Kulturkonflikte friedlich beilegen will, muss das unparteilich tun und braucht dazu ein symmetrisches Kulturkonzept: „Kernkultur“6 ist ein dafür geschaffenes zweckmäßiges Instrument. Ich habe es mit Menschen aus Bangladesh und Myanmar, Pakistan und Afghanistan entwickelt, als ich für UNHCR in Flüchtlingslagern tätig war. Zurück in der Schweiz, konnte ich es in der Arbeit mit Immigrierten und Einheimischen laufend validieren und präzisieren. Auf interdisziplinäres Wissen gestützt, nimmt das Konzept die Interessen und Positionen aller Konfliktbeteiligten gleichermaßen ernst. Um das enorme Wohlstandsgefälle zwischen den Kapitalzentren und den Peripherien zu neutralisieren, fokussiert „Kernkultur“ allerdings nur die elementarsten menschlichen Bedürfnisse. Maslow7 hat drei davon als unelastisch bezeichnet: physiologische Bedürfnisse, Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit sowie nach Zugehörigkeit und Solidarität. Unelastisch heißen sie, weil wir Menschen sterben, werden diese Bedürfnisse nicht befriedigt. Deshalb organisieren alle Gesellschaften, ob arm oder reich, die Voraussetzungen dafür in Form von drei „Kernaufgaben“: „Produktion/ Konsum“, „Schutz/Sicherheit“, „Solidarität/Ausgleich“. Kommt als vierte Kernaufgabe „Erziehung/ Ausbildung“ dazu, wird doch überall dafür gesorgt, dass die Jungen später im Stande sind, die zentralen Kernaufgaben zu erfüllen. Kernaufgaben werden stets über „Kernrollen“ organisiert: verbindliche Verhaltenserwartungen, die für die Gesellschaftsmitglieder obligatorisch sind und über geteilte Ordnungsvorstellungen, also Moralität und Recht, legitimiert werden. Diese kollektiv verbindlichen Ordnungsvorstellungen um die elementare Bedürfnisbefriedigung nenne ich „Kernkultur“ – ein Kulturkonzept, das nichts mit jener deutschen Leitkultur zu tun hat, die sich strukturblind auf christlich-abend-ländische Werte beruft. Kernkultur ist ein transkulturelles und deshalb strukturbezogenes Konzept: Es geht davon aus, dass jede verbindliche Sozialordnung - und zwar seit eh und je - auf „Recht“ basiert. Ein Recht allerdings, das den Menschen entweder über ihre Tradition und Religion oder aber inzwischen über ihren Staat verpasst bzw. vermittelt wird; ein Recht, das zudem mehr oder weniger mit der Moralität der Bevölkerungsmehrheit korrespondiert und sich i. d. R. auch in der personalen Moral der einzelnen Gesellschafsmitglieder spiegelt. Wie diese Kernkultur aber konkretisiert werden kann, hängt nicht nur, aber primär vom Zugriff auf Ressourcen ab, der einem Sozialverband möglich ist: Kernrollen, Rechtsnormen, Institutionen sind deshalb kontext-spezifisch formiert, d. h. unterschiedlich konkretisiert. Im derzeitigen Erdenrund gibt es noch Restbestände von vielfältigen historisch gewachsenen Kernkulturen8. Zwar war der Zugriff auf Ressourcen seit eh und je vom Wissen und der verfügbaren Technologie abhängig, doch inzwischen wird er primär von der Machtposition bestimmt, die ein Staat in der ungleichen Weltwirtschaft einnimmt. Und weil die derzeitige Weltwirtschaft und ihre Rechtsordnung, also z. B. das Völkerrecht und die WTO, die Staaten zwingend miteinander verflechten, ist dieser Zugriff so ungleich wie ungerecht. Zwar hat die liberale Marktwirtschaft dem Westen seit langem gestattet, auf Kosten anderer zu leben. Die alten Industrieländer konnten sich, dank ihren Produktivitätsvorsprüngen und einer qualifizierten Arbeiterschaft, stets Ressourcen aus der Peripherie aneignen. Inzwischen hat sich aber die Situation aggraviert: Reiche und arme Staaten sind nicht mehr nur disparat, sondern antagonistisch auf einander bezogen. Antagonistisch, weil der Westen seine monetär basierte Kernkultur zwar zum universellen Massstab macht, jedoch u. a. zweierlei ausblendet: Erstens setzt die moderne Rechtsstaatlichkeit mit ihren individuellen Freiheiten eine durchmonetarisierte Sozialordnung voraus; zweitens beanspruchen und verbrauchen die reichen Länder dafür das 3- bis 5fache der global verfügbaren Ressourcen9. Diese Strukturblindheit macht die derzeitige Auseinandersetzung absurd10! Wir haben es nicht nur mit einem Widerspruch, sondern mit einem Double Bind11 zu tun: Der Westen fordert von armen und/oder strukturschwachen Staaten eine monetarisierte Kernkultur ein; diese setzt jedoch einen Zugriff auf die globalen Ressourcen voraus, vom dem die Adressaten an den weltwirtschaftlichen Rändern a priori ausgeschlossen sind. Ausgeschlossen, so lange der strukturmächtige Westen an den Voraussetzungen und Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft nichts ändert.

Auf Widerspruch und Double Bind wird an den globalen Rändern immer heftiger reagiert. Zum einen verlocken Medien, Internet und Handy, aber auch unsere Touristen, Grundrechte, Freiheitsversprechen immer mehr Menschen dazu, aus Regionen, in denen der Prokopfverbrauch an Ressourcen unterdurchschnittlich ist, in die westlichen Konsumparadiese und Wohlfahrtsstaaten abzuwandern, wo ein Großteil der Ressourcen beansprucht und der Planet bereits massiv übernutzt wird12. Zum andern kämpfen jene, die „vor Ort“ mit vormodernen bzw. vormonetären Kernkulturen und limitierten Ressourcen überleben oder die sogar bewusst und widerständig dort zurückbleiben, mit dem Westen immer erbitterter um dreierlei: um die verbleibenden Ressourcen, um das Recht auf einen angemessenen Ressourcenverbrauch und um die unterschiedlich konkretisierten kernkulturellen Ordnungsvorstellungen.

Abb1.jpg

Das symmetrische, aber strukturbezogene Kernkulturkonzept (vgl. Abb. 1) kann diese Art Konflikte erfassen, verstehen und friedlich vermitteln. Die vielfältigen Kernkulturen, die aufgrund von Klima, Ökologie und unterschiedliche Kulturtechniken einst weltweit entstanden, sind im Bild auf den Hauptwiderspruch fokussiert: auf die Bruchlinie zwischen den globalen Kapitalzentren und ihren Peripherien. Um die real existierende Vielfalt dennoch ein wenig anzudeuten, ist ein schwarzafrikanischer Staat abgebildet, in dem zahlreiche Völker mit den unterschiedlichst konkretisierten Kernkulturen zusammenleben. Das schafft zwar zusätzlichen Konfliktstoff, bringt aber den weltwirtschaftlich induzierten Hauptwiderspruch nicht zum Verschwinden: die Konfliktlinie zwischen monetär und vormonetär organisierten Kernaufgaben und Kernrollen.

Diese Dichotomisierung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Einzelfall stets zahlreiche weitere Faktoren den Konflikt anheizen. Eine der strukturbedingt globalen Kernkulturdifferenzen sei jedoch mit einem Beispiel illustriert: Homosexualität ist in Uganda verpönt und wurde bis jüngst bestraft - eine Rechtsvorstellung, die in vormonetär organisierten Gesellschaften relativ häufig ist, weil dort das Verbot der Homosexualität oft das Gebot zur Heterosexualität und Elternschaft absichert. Denn wo die Alten von ihren eigenen Kindern versorgt werden, weil eine staatliche Altervorsorge fehlt, sind die Generationen- und Geschlechtsrollen verbindlich. 2014 hat das ugandische Verfassungsgericht, ganz i. S. der dortigen ModernistInnen, das Gesetz zwar gekippt13. Dennoch bleiben in Ugandas Peripherie bei vielen Ethnien die Generationen- und Geschlechtsrollen auch künftig verbindlich: jene Kernrollen, die obligatorisch sind, weil sie hier das kollektive und individuelle Überleben sichern. Dass Homosexualität auch aus anderen Gründen abgelehnt werden kann, das zeigen z. B. einige Staaten in Europa und in den USA an.

Die in Abb. 1 fokussierte Bruchlinie fokussiert also nur die strukturbedingt globalen Konflikte. In den Zentren der Kapitalakkumulation - im Bild über dem dicken, durchbrochenen Querbalken - werden die globalen Ressourcen extensiv genutzt: Jene, die im globalen sozialen Oben residieren, „vermögen“ es, die Kernaufgaben über verbindliche Berufsrollen und Erwerbsabgaben zu organisierten, die monetär basierte Sozialorganisation über moderne Rechtsstaatlichkeit abzusichern, die Religion als private Weltanschauung zu behandeln. Jene andern aber, die - unter dem Querbalken - strukturell ins globale soziale Unten verbannt sind und kaum über Maschinen, Erdöl, Elektrizität verfügen, müssen mit einem limitierten Zugriff auf die lokalen Ressourcen überleben: Sie organisieren die Kernaufgaben primär über menschliche Muskelkraft. Vorab im Speichergürtel, wo die Männer für Schutz und Sicherheit verantwortlich sind und ausser Haus die körperliche Schwerarbeit leisten, wird darauf beharrt, dass die Primärrollen verbindlich bzw. die Generationen-, Geschlechts- und Verwandtschaftsrollen für die einzelnen Gesellschaftsmitglieder obligatorisch sind - eine Sozialorganisation, die über traditionales Männerrecht und Religion normiert und legitimiert ist.

Strukturblind übersehen wir, dass an Orten, die noch vormonetär organisiert sind, die Religion - wie früher bei uns - noch Rechtsfunktionen hat. Und weil der Westen ignoriert, wie „vor Ort“ die Schutz- und Sicherheitsaufgaben sowie die Umverteilungs- und Solidarinstitutionen organisiert sind, nämlich genderspezifisch, ethnisch-verwandtschaftlich und/oder über-familiär-religiös, zäumt er das Pferd beharrlich am Schwanz auf: Er fordert von den weltwirtschaftlichen Rändern, dass sie die Gleichstellung und die individuellen Freiheiten respektieren, und blendet aus, dass bei uns erst das Geld und die formelle Erwerbsarbeit die Individuen - zuerst die Männer, dann die Frauen - aus ihren Primärrollen befreit und in die Berufsrollen befördert haben.

Diese Bruchlinie zieht sich mitten durch die armen Staaten: Während die dortigen Ober- und Mittelschichten längst formell in die globale Kapitalzirkulation integriert sind, gilt das nicht für die Bevölkerungsmehrheit - weder für die Landbevölkerung noch für die urbanen Unterschichten. In Pakistan und Afghanistan, im Irak, im Maghreb: überall gibt es im Innern der Staaten eine tiefe Kluft zwischen Zentrum und Peripherie. Schier allerorts werden die Konflikte zwischen Modernisten und Traditionalisten, zwischen monetär und religiös orientierten Kernkulturen, gewaltsam ausgefochten. Und soweit im globalen Unten die Religion, und nicht der Staat, dafür sorgt, dass die Familiensolidarität gilt und überfamiliär umverteilt wird, bleibt die Religionszugehörigkeit wichtig. An den weltwirtschaftlichen Rändern wird auch der Kampf um die sich verknappenden Ressourcen entlang von religiöser Zugehörigkeit ausgefochten. ähnliches gilt für die Ethnie, wo immer diese für ihre Mitglieder noch überfamiliale Schutz- und Solidargemeinschaft ist. Doch aufgepasst: In Melanesien und Schwarzafrika sind die Konfliktmuster strukturbedingt chaotischer, die Bruchlinie ist weniger scharf als im patriarchalen Nordafrika, Nah- und Mittelosten. Überall, wo unter Deckel junger Staaten ein Flickenteppich von Klein- und Kleinstvölker mit den unterschiedlichsten, bald patri-, bald matrizentrierten Kernkulturen existiert, werden Konflikte weniger klar artikuliert und weniger effzient organisiert ausgetragen.

Im Gegensatz dazu gilt im westlichen Wohlfahrtsstaat für alle, ImmigrantInnen und Flüchtlinge eingeschlossen: Berufs- und Erwerbsrollen sind die verbindlichen Kernrollen; die Primärrollen hingegen werden den einzelnen Individuen zur freien Gestaltung überlassen. Versagt hier jemand in seiner Erwerbs- und Berufsrolle oder aber in einer der inzwischen privatisierten Primärrollen, so springen Berufstätige ein. Monetär finanziert sind in den westlichen Kapitalzentren aber beide: die professionellen HelferInnen und die in ihren Primärrollen Gescheiterten. Warum aber übersehen wir, dass die monetäre Kernkultur wohlfahrtsstaatlicher Organisation u. a. auf drei Rahmenbedingungen angewiesen sind: die Bevölkerungsmehrheit muss eine Erwerbsarbeit haben; die Ausgleichs- und Solidarinstitutionen, Schutz- und Sicherheitsaufgaben können über Steuern und Lohnabgaben finanziert werden; der ungleiche und unökologische Zugriff auf die globalen Ressourcen ist weiterhin gesichert? So ist es nicht weiter erstaunlich, wenn das wirtschaftsstarke Deutschland inzwischen am Hindukusch verteidigt wird...

Zum letzten wichtigen Punkt: Mit dem Kernkulturkonzept lassen sich nicht nur die konfliktiven Unterschiede erfassen und verstehen, sondern - weit wichtiger - auch die entscheidenden transkulturellen Brücken bauen. Das Konzept erlaubt, trotz strukturbedingten Disparitäten und Konflikten, die interkulturelle Verständigung, weil es stets dieselben Parameter fokussiert: Kernaufgaben und Kernrollen sind transkulturelle Gemeinsamkeiten, auch wenn, aus technologisch-wirtschaftlichen Gründen, kontextspezifisch konkre­tisiert. Folgerichtig gelten auch die überlebensrelevanten Ordnungsvorstellungen, die jeweils hüben oder drüben im Schwange sind, nicht als moralisch besser oder schlechter, sondern werden als moralisch gleichwertig erachtet. Just weil das Konzept die kontextspezifischen Ordnungsvorstellungen systematisch auf die weltwirtschaftlich so ungleich verfügbaren Ressourcen bezieht, lassen sich die jeweils gültigen, aber disparaten kollektiven Ordnungsvorstellungen nüchtern vergleichen, verstehen und einvernehmlich vermitteln.

Eine Nüchternheit, die mir nota bene jene Paschtunen beigebracht haben, die sich später als die Taliban organisierten. „Romantische Liebe? - das kennen wir auch“, gestanden sie. Dann ihr starkes Argument: „Aber wir können es uns nicht leisten, so etwas Wichtiges wie die Familie auf romantische Liebe zu gründen. Basis für unsere Ehe ist der gegenseitige Respekt - basta!“ Ernüchternd, aber wahr in einem doppelten Sinn. Erstens „wahr“ als ein Ideal, das nicht in allen Fällen zum Tragen kommt, das räumten die Paschtunen ein. Sie wollten dann aber wissen: „Wie lange dauert sie denn, Eure romantische Liebe - drei Wochen, drei Monate oder drei Jahre?“ Zweitens „wahr“ im sachgerechten Sinn: „Vor Ort“ werden die kollektiv geforderten Solidar- und Schutzpflichten den Individuen nicht monetär, sondern mit Respekt entgolten, ausserordentliche Taten bringen sogar Ehre. Warum nur übersehen wir im Westen so beharrlich, dass Respekt, Ehre, Schande bei uns zwar nicht mehr an den Geschlechts-, hingegen an den Berufsrollen festgemacht sind? Denn welcher Wissenschaftler hätte nicht gerne einen Nobelpreis? Und welche Schauspielerin träumt nicht von einem Oscar? Ist denn unsere moderne bzw. monetär basierte Berufs- und Einkommenshierarchie effektiv so viel weniger ausgeprägt als die traditionale Geschlechterhierarchie? So erhalten z. B. „vor Ort“ nicht der Direktor oder die Professorin besonderen Respekt, sondern die alte Frau.

1. Quintessenz: Einwegmigration und Terrorismus sind strukturellen Disparitäten, ja systembedingten Antagonismen geschuldet. Deshalb können Demokratie und Menschenrechte auch nicht von aussen und oben, erst recht nicht mit Krieg installiert werden. Hingegen lassen sich mit dem Kernkulturkonzept viele Konflikte im Innern armer Staaten vermitteln und die Bruchlinie zwischen Modernisten und Traditionalisten in einer Wiese erhellen, die innerstaatliche und globale Lernprozesse erlaubt. Denn gesucht ist zweierlei: eine neue Weltwirtschaftsordnung, welche die Märkte sozial und ökologisch nachhaltig einhegt und strukturiert, sowie neue Formen von Kernkulturen, die es künftig den Menschen allerorts gestattet, sowohl in Würde zu überleben als auch in einer Weise, die global u n d nahräumlich den Ausgleich mit der Natur sowie zwischen und im Innern von Gesellschaften erlaubt.

2. Interkulturelle Mediation im Innern Europas - eine vertrackte, aber unverzichtbare Aufgabe

Wir sehen nur, was wir kennen.
J.W. Goethe

Zu klären ist, woran interkulturelle Mediation und Integration, im Innern Europas zu orientieren sind. Zuerst jedoch zu zwei Faktoren, die das Zusammenleben derzeit belasten: die rasch wachsende soziale und ökonomische Polarisierung innerhalb der Staaten sowie die Konflikte, die in der multikulturellen Gesellschaft aufkommen. Obwohl politisch als Links-Rechts-Kontroverse geführt, haben wir es, nüchtern betrachtet, auch in Europa mit einem Konflikt zwischen jenen im globalen Oben und jenen im lokalen Unten zu tun. Aus zwei Gründen: Erstens nutzen die neoliberalen Machthaber die Völkerwanderung dazu, Europas Sozialstaaten zu demontieren. So grassieren im sozialen Unten Lohndruck und Konkurrenz und ein Teil der Einheimischen wehrt sich mit dem Wahl- und Stimmzettel dagegen: Globalisierungsverlierer wählen rechts! Viele Linke und Grüne stehen indessen dafür ein, dass die Wirtschaft grenzenlos weiterwachsen kann: Kapitalismus auf immer und ewig? Ein strukturblindes Menschenrechtsdenken und eine naive Migrationsbegeisterung sind Vehikel dafür. Zweitens fallen die Konflikte in Europa hoch ungleich an: In den längst globalisierten Ober- und Mittelschichten gibt es kaum kulturelle Differenzen; Altansässige und Neuzugereiste denken in modernen Kategorien und sind qua Bildungs- und Beschäftigungsstatus mit modernen Ordnungsvorstellungen vertraut und identifiziert. Im sozialen Unten hingegen kommt es europaweit oft zu heftigen Konflikten: Hier prallen die modernen bzw. monetär orientierten Ordnungsvorstellungen der Eingeborenen und die traditional bzw. religiös legitimierten Ordnungsvorstellungen der Zugewanderten aufeinander. In Spitälern, Gefängnissen, Schulen, Solidareinrichtungen sind Mitarbeiter und Nutzerinnen mit interkulturellen Konflikten und Missverständnissen konfrontiert14. Zu Konflikten zwischen vormonetär und monetär orientierten Kernkultur enkommt es aber am häufigsten in Familien, zwischen Ehepaaren, zwischen jung und alt, in Wohnhäusern, öffentlich genutzten Räumen und Quartieren der Minderbemittelten. Und so stellt sich nun die Frage, woran sich interkulturelle Konfliktvermittlung und Integration zu orientieren haben.

Ein Beispiel: Eine bi-kulturelle Ehe droht zu zerbrechen, weil der afghanische Mann an seinen religiös legitimierten traditionalen Ordnungsvorstellungen festhält. Schlimmer noch: Er droht, die gemeinsame Tochter zu töten, falls diese nicht Jungfrau bleibt. Mit dem Kernkulturkonzept lernt das Paar, sich symmetrisch zu verorten und zu verstehen. Für beide Kontexte werden die idealen Elternrollen gesichtet. Der Afghane, der wünscht, dass seine Tochter jungfräulich bleibt, ist kein schlechter Vater. Im Herkunftskontext würde er sogar als guter Vater gefeiert. Trotz heftigem Konflikt hat das Paar zahlreiche Ressourcen. Der Afghane, einst freiwillig in die Schweiz eingereist, um hier besser entlohnt und freier zu leben, arbeitet seit Jahren und ist in seiner Erwerbsrolle respektiert. So wollen beide, dass die Tochter ihre Berufslehre erfolgreich absolviert. Und beide wünschen der jungen Frau das Beste - nur sind die väterlichen Vorstellungen am traditional-muslimischen Kontext Afghanistans orientiert. Der Konflikt ist lösbar, wenn MediatiorInnen die vormoderne und moderne Kernkultur mit den entsprechenden Kernrollen zwar als unterschiedlich, aber prinzipiell gleichwertig behandeln - dazu da, das Zusammenleben in einer Weise zu ordnen, die das überleben sichert. Weil das Kernkulturkonzept die kollektiven Ordnungsvorstellungen kontext- und strukturbezogen spezifiziert und respektiert, wird der Konflikt jedoch „entmoralisiert“. Sogar die Religion - hier der Islam, von uns wertgeschätzt und adäquat mobilisiert - kann zur Ressource werden, um Konflikte gewaltfrei beizulegen. Denn das Kernkulturkonzept hegt den Konflikt kontextspezifisch ein: In der Schweiz gilt keine bessere, aber eine andere Kernkultur als im afghanischen Hinterland: Geschlechterhierarchie und elterliche Dominanz dort, Geschlechtergleichstellung und Emanzipation der jungen Generation hier – basta!

Interkulturelle Konfliktvermittlung im Innern Europas beschert den MediatorInnen eine ambivalente Doppelaufgabe, die mit dem symmetrischen, aber territorial verorteten Kernkulturkonzept bewältigt werden kann:

  1. MediatorInnen haben un- und allparteiich zu sein: Sie denken mir ihren KlientInnen über die Differenzen und Gemeinsamkeiten symmetrisch nach, so dass moderne und traditionale Kernkultur prinzipiell gleichwertig sind. Gemeinsam reflektiert werden auch die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die Vor- und Nachteile, die zwangsläufig sowohl mit den vormodernen Ordnungsvorstellungen vor Ort als auch mit den modernen der Schweiz verbunden sind. Erst wenn das beide Konfliktparteien - „je für sich“ und „je für die andere Seite“ - verstanden haben, kann der Mediationsprozess einen Schritt weiter gehen.
  2. Mediationsarbeit passiert im Rahmen einer territorialen Rechtsordnung, die zu respektieren ist: In Europa gilt die monetär organisierte Rechtsstaatlichkeit für alle, die hier leben – für KlientInnen und für MediatorInnen. Dank dem symmetrischen Konzept wird diese nüchterne Position verstanden und i. d. R. akzeptiert. Anderes zu kommunizieren, wäre intransparent, kontraproduktiv, widerrechtlich und m. E. auch didaktisch falsch: KlientInnen von den weltwirtschaftlichen Rändern müssen nämlich lernen, dass die moderne Rechtsstaatlichkeit in Europa für alle gilt und von allen zu respektieren sind - auch von MediatorInnen.

Schliesslich obliegt es der vormodern orientierten Konfliktpartei, eigenständig zu wählen, ob sie weiterhin im Rahmen des modernen Ordnungssystems der Schweiz in respektierter Weise mitleben will. Andernfalls hat sie zu entscheiden, ob sie lieber in den Herkunftskontext mit vormonetärer Kernkultur zurückkehren oder aber riskieren will, in der Schweiz ins Gefängnis zu kommen. Für die Rückreise erhält sie Unterstützung, für Straftaten nicht. Nie werde ich jenen Moment vergessen: Als der Afghane begriff, dass seine Tochter nach hiesigem Recht mit 16 Jahren als sexuell mündige Person gilt und deshalb eigenständig über ihren Körper verfügen kann, fragte er konsterniert. „Ja kommt das denn gut heraus?“ Ich schüttelte den Kopf: „Nein, das kann Ihnen bei uns leider niemand garantieren!“ Ob so viel entwaffnender Ehrlichkeit, begann er zu lachen. Nachher lernte er, wie ein moderner Vater seine Tochter dabei unterstützen kann, kein voreheliches Kind zur Welt zu bringen. Denn das ist nötig, soll die Tochter ihre Lehre erfolgreich absolvieren, um sich die entsprechenden beruflichen und privaten Zukunftschancen zu erschließen.

Lösbar sind interkulturelle Konflikte nur über die Brücken der transkulturellen Gemeinsamkeiten. So zeigen Eltern, trotz disparat konkretisierten Kernkulturen, transkulturell ähnliche Haltungen, wenn es um eine aussereheliche Mutterschaft ihrer Tochter geht: Frühschwangerschaften mit unehelichen Kindern werden i. d. R. vermieden. Das Konzept der Kernkultur ist ja so konstruiert, dass hinter den strukturbedingten Differenzen stets transkulturelle Gemeinsamkeiten stecken. Noch ein Beispiel dafür, dass die wirtschaftliche Situation hüben und drüben wichtig ist: Als Studierende der Sozialen Arbeit räsonierten, das Jungfräulichkeitsgebot werde vom Islam vorgeschrieben, protestierte ein türkischer Student: „Das hat doch nichts mit Religion zu tun. In Anatolien gehört nämlich die Jungfräulichkeit nicht meiner Schwester, sondern dem Vater und mir, dem Bruder. Wer denn kommt „bei uns“ für eine Frau und ihr uneheliches Kind auf? Entweder der Vater oder ihr Bruder. Mein alter Vater hat aber seine Pflicht bereits erfüllt. Und als Bruder will ich nicht wirtschaftlich mit meiner Schwester liiert sein, sondern eine eigene Frau heiraten und eigene Kinder haben.“ Per Zufall fiel dieses Intermezzo in eine Zeit, in der die Schweiz mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfte. In der Hochkonjunktur wurden ledige Mütter grosszügig mit staatlicher Sozialhilfe unterstützt und von SozialarbeiterInnen begleitet; in der Rezession begannen nun einige arme Gemeinden wieder damit, die Eltern der jungen Frau als unterstützungspflichtig und betreuungsverantwortlich zu behandeln.

2. Quintessenz: Die Mediation ist in Europa mit unterschiedlichen Aufgaben betraut. Für Konflikte um Lebensstile ist „normale“ Mediationsarbeit mit interkultureller Sensibilität gefragt: auch Einheimische geraten in Streit über Hausordnung, Lärm, Bekleidung. Subkulturelle Vielfalt und Differenzierung sind wie die persönlichen Freiheiten Teil der modernen Kernkultur - in Europa zulässig, sogar interessant und gefragt.

Geht es hingegen um tief verwurzelte moralisierte Vorstellungen, die Recht und Unrecht betreffen, ist das Kernkulturkonzept ein Instrument, das strukturbedingte Kulturkonflikte erhellen und unparteilich vermitteln kann: Der Islam ist an den weltwirtschaftlichen Rändern noch ein Recht, in den Kapitalzentren hingegen gilt Rechtsstaatlichkeit. Weil die Konfliktparteien und die MediatorInnen in Europa verortet und damit den monetär organisierten Staaten mit ihrer modernen Rechtsordnung verpflichtet sind, werden multikulturelles Zusammenleben, interkulturelle Verständigung und Integration, friedliche Konfliktlösung im territorialen Hier und Jetzt möglich. Gleichzeitig werden wir EuropäerInnen für die strukturelle Situation und Kernkultur der fremden Andern, draussen vor der Tür, sensibilisiert. Ein umfassender Lernprozess beginnt: Allen Konfliktbetroffenen wird klar, dass sich künftig - hüben und drüben - vieles verändern, ja völlig neu werden muss.

3. Stolpersteine der interkulturellen Mediation: Moral und Moralisieren

Unser Hirn denkt nur soweit wie unser Herz fühlen darf bzw. kann.
V. Tobler

Endlich zur Frage, weshalb ausgerechnet die Moral die am Mediationsprozess Beteiligten am meisten herausfordert - Mediatorinnen und Kulturvermittler eingeschlossen. Zugespitzt formuliert: Es ist primär die „Moral“, die es EuropäerInnen und Menschen, die an den weltwirtschaftlichen Rändern sozialisiert wurden, oft schier unmöglich macht, sich zu verständigen.

Denn Moral ist zwar nötig, aber leider schrötig. Nötig, weil die geteilte Moral in Form von Moralität unverzichtbar für das gelingende Zusammenleben ist und teilweise auch das formelle Recht mitkonstituiert. Schrötig ist die Moral aus mehreren Gründen: Erstens internalisieren die meisten Menschen die Moralität ihrer eigenen Gesellschaft - entweder ganz oder teilweise. Diese personale Moral wird zweitens narzisstisch-aggressiv besetzt. Drittens neigen wir dazu, den eigenen Schatten abzuspalten – just wenn wir hoch moralisch sind, also ein besonders strenges Über-ich oder hehres Ich-ideal ausgebildet haben. Kommt viertens hinzu, dass die strukturellen Voraussetzungen, auf denen die kollektiven Ordnungsvorstellungen basieren, meist entweder unbewusst oder derart selbstverständlich sind, so dass die eigene Kernkultur fraglos zum universellen Maßstab für andere Gesellschaften und Menschen wird. So reagieren wir auf fremde Moralvorstellungen oft mit Gefühlen der Ablehnung oder Angst, und es kommt zu strukturblindem Moralisieren. Und sogar wenn Professionelle ihr „gefühltes“ moralisches Verdikt selten aussprechen, spüren fremde KlientInnen sie dennoch: die klammheimliche Ablehnung.

Kurz: Menschen, die an den weltwirtschaftlichen Rändern sozialisiert wurden, fühlen sich oft verletzt und gekränkt - sowohl jene, die mitten unter uns sind, als auch jene, die an den globalen Peripherien überleben. Werden Menschen aber in dem abgewertet, was sie als ihre moralische Pflicht erachten oder als gute Tat erbracht haben, so löst das i. d. R. Aggressionen aus und kann gefährlich werden - sei das in Europa, sei das vor Ort.... und wir sind mitten in jenem Heiligen Krieg, von dem bereits im Prolog die Rede war.

Wie aber können MediatorInnen sich der Moral, diesem heiklen, weil beidseits narzisstisch-aggressiv besetzten Gegenstand, in nüchterner Weise annähern? Dazu eignet sich ein zweites Instrument: die Arbeit mit interkulturellen Irritationen. Meine Kurse für interkulturelle Integrationsbeauftragte und Konfliktverrmittlerinnen beginnen stets mit einer Doppelaufgabe. Zuerst die Einzelaufgabe: Welche Verhaltensmuster von Fremden irritieren am heftigsten? Irritationen stehen für Ärger, Wut, Entsetzen, Empörung. Dann die Gruppenaufgabe: Nach einem kurzen Austausch werden gemeinsam jene 2, 3 Verhaltensmuster ausgewählt, die am meisten irritieren. Dieses Verhalten ist konkret (!) zu beschreiben – eine unabdingbare Voraussetzung für ein konstruktives Feedback. Was jeweils zu Papier gebracht wird, sind bestenfalls abstrakte Beurteilungen, meist jedoch affektbeladene Verurteilungen, auch Erklärungen kommen vor. Konkrete Beschreibungen aber wurden in zig Hunderten Veranstaltungen nur ein einziges Mal geliefert: Nicht von Professionellen, sondern von Laien, die sich allein an die hintersten Krähwinkel unserer Welt hinaus gewagt hatten.

Dennoch ist es ein Glücksfall, wenn professionelle KulturvermittlerInnen über diese Doppelaufgabe stolpern: Das ermöglicht transkulturelle Erkenntnisse und erfordert symmetrische Vermittlungskunst. Erstens wird deutlich, dass wir, wenn es um Moral geht, meist aus dem Reptilhirn bzw. dem limbisches System, und nicht mit dem Denkhirn bzw. dem neofrontalen Cortex reagieren: So gehen sogar die Feedbackregeln vergessen, obwohl sie zum professionellen Rüstzeug der KursteilnehmerInnen gehören. Zweitens wird klar, dass die meisten SchweizerInnen ihre moderne Kernkultur für derart selbstverständlich halten, dass Verletzungen entweder mit Empörung und Diabolisieren oder aber mit Idealisieren und Verleugnungen quittiert werden. Drittens fördern die Resultate, auch wenn die irritierenden Verhaltensmuster erst im Nachhinein konkretisiert werden, eine Landkarte der hiesigen Moralität zu Tage: So können nun Kernkultur und Lebensstile unterschieden werden - die Letzteren gehören zu den individuellen Freiheiten. Viertens wird fassbar, was moderne Kernkultur ist: durchwegs Regeln, die in der Schweiz Gesetzesstatus, ja oft sogar Verfassungsrang haben. Fünftens lässt sich nun am eigenen Exempel studieren, dass und wie die Schweizer Moralitäts- und Rechtsvorstellungen von der wirtschaftlichen Position unseres Landes in der Weltwirtschaft abhängen. Zu guter Letzt wird den TeilnehmerInnen bewusst, dass die fremden Anderen selten keine Moral, sondern i. d. R. nur eine andere Moral haben, und dass die traditionale Kernkultur für die Menschen an den weltwirtschaftlichen Rändern genauso verbindlich ist wie die moderne Kernkultur für uns in der Schweiz. Dabei sehen oft moralisch besonders integre Menschen wenig präzis hin: Fremdenfreundliche SchweizerInnen und Professionelle gehen zwar nie davon aus, dass die fremden Anderen keine Moral haben, nehmen aber oft fraglos an, die Fremden hätten dieselbe Moral wie wir. Manche lehnen Ordnungsvorstellungen als solche ab – alle kollektiven, ausser die idosynkratischen eigenen!

Was von MediatorInnen gefordert ist, habe ich ins Bild gebracht. Erst zweimal ist es Professionellen auf Anhieb gelungen, den in Abb. 2 erfassten Kernrollenvergleich samt den transkulturellen Gemeinsamkeiten klar und umfassend herauszuarbeiten15.

Abb2.jpg

So hilft die Arbeit mit interkulturellen Irritationen und dem strukturbezogenen Kernkulturkonzept nicht nur Paaren und Studierenden, sondern auch MediatorInnen die je eigene Moralität zu erhellen und die Enge des strukturblinden Moralisierens hinter sich zu lassen. Denn ein Urteil über Moralität, das ethischen Kriterien genügen soll, hat die Ressourcen in Rechnung zu stellen, über die ein Sozialverband verfügt. Wenn künftig auch die Moralität und die personale Moral für die interkulturelle Integration und Mediation zur Ressource werden sollen, so haben wir den Prozess der Moralbildung noch tiefer und umfassender zu erforschen und zu verstehen.

Ich kann das hier nur andeuten. Da ist zunächst jene früh erlernte Moral, die sich interaktiv mit den ersten Bezugspersonen herausbildet und die tief im Dunkel jeder einzelnen Person verankert ist. Diese personale Moral bildet sich transkulturell im Zusammenspiel derselben Faktoren heraus - wichtig sind: die psycho-physische Ausstattung, die ersten Bezugspersonen und sozialen Vorbilder, die Biographie und die Moralität der Gesellschaft, in die eine Person hineingeboren wird. Am wichtigsten allerdings: Die Moralität und das Recht einer jeden Gesellschaft bilden sich im Rahmen von kontextspezifischen Strukturparametern heraus16 bzw. sind weitgehend Resultat der Position, die eine Gesellschaft oder ein Staat in der Weltwirtschaft innehat – etwas, wofür wir derzeit noch extrem strukturblind sind.

Damit zum einen Paradox, das mit der transkulturellen Mediationsarbeit verbunden ist: Wenn wir unter Moral wie einst Durkheim „die Sorge um andere“ verstehen, dann verdienen moralisierte Personen zweifellos unseren Respekt – und zwar unabhängig davon, ob wir deren Moral bzw. Moralität teilen oder nicht. Dennoch müssen wir darauf bestehen, dass Immigrierte, einmal in Europa angekommen, unsere derzeitige moderne Kernkultur respektieren – auch wenn wir diese künftig verändern werden müssen.

Das andere Paradox, das interkulturellen MediatorInnen und KulturvermittlerInnen zu schaffen macht: Kernkulturkonflikte resultieren zwar aus Strukturdisparitäten, die Kunst der interkulturellen Verständigung und Integration geht jedoch weit darüber hinaus. Denn auch wenn wir alles Wichtige über die strukturbedingten kollektiven Ordnungsvorstellungen wissen: Wir können n i e wissen, ob sich ein einzelnes Individuum daran orientiert oder nicht. So ist das Kernkulturkonzept zwar ein Instrument, das in uns in der eigenen Gesellschaft eine sichere Orientierung erlaubt, kann doch die Frage, was Kernkultur ist, jederzeit am geltenden Recht überprüft und justiert werden. Mit Blick auf Fremde hilft das Konzept zunächst nur, fruchtbare Hypothesen zu formulieren, im Einzelfall mit konstruktiven Erklärungen zu arbeiten und sich dank jenen transkulturellen Gemeinsamkeiten zu verständigen, denen das Kernkulturkonzept verpflichtet ist. Die Paradoxie auf den Punkt gebracht: Wir können weder aus den statistisch erfassten Verhaltensregelmässigkeiten noch aus formellen Rechtsnormen auf das Verhalten, die Vorstellungen und Motive eines einzelnen Individuen schliessen - und umgekehrt: Wir können aus dem Verhalten eines einzelnen fremden Individuums n i e auf die Kernkultur schliessen, in der es sozialisiert wurde und an der es sich orientiert.

Das Kernkulturkonzept erlaubt, zwar alles zu verstehen. Alles zu verstehen, heisst jedoch nicht, alles zu akzeptieren. Verstehen ist aber die Voraussetzung für Verständigung und Veränderung.

Interessant deshalb, was Hirnforscher Gerhard Roth17 über wünschbare Verhaltensveränderungen meint:

  1. „Wissen kann nicht übertragen, sondern nur wechselseitig konstruiert werden.“
  2. „Das bewusste Ich ist nicht in der Lage, über Einsicht oder Willensentschluss seine emotionalen Verhaltensstrukturen zu ändern.“ (....) „Dies kann n u r geschehen über emotional „bewegende“ Interaktion.“

Das Kernkulturkonzept, in der interaktiven Praxis und in disparat strukturierten Kontexten entstanden, erfüllt beide Voraussetzungen: Die transkulturellen Gemeinsamkeiten, die hinter den Disparitäten stecken, gestatten es, neues Wissen konsensuell zu erarbeiten. Ein Konsens, der zudem emotional stimmige Momente bringt, die es den Individuen ermöglichen, sich zu bewegen und zu verändern - ein gemeinsamer Lernprozess über die Welt kommt in Gang: über ihre Menschen, ihre Gesellschaften und über die eigene Person.

Den berührendsten Moment in meinem Beruf als Kulturvermittlerin hat mir ein ägyptischer Fundamentalist geschenkt. Mir war klar, dass der tiefgläubige Mann mich nach meinem Glauben fragen würde, bevor er mit mir einen Beratungsvertrag abschliesst. Mündlich hatte ich ihm bereits persönliche Offenheit und Transparenz zugesichert, falls das im Rahmen des professionellen Beratungsauftrags wichtig sei. Was aber konnte ich - als Ungläubige – auf die Gretchenfrage antworten? Als sie kam, gestand ich zögerlich, dass es mir bereits als Kind schwer fiel, an einen personalen Gott zu glauben. Die Familie, in der ich aufgewachsen bin, war zu elend und zu leidvoll, als dass ich einer Gottesvorstellung vertrauen konnte, die einem Familienmodell nachempfunden war: Vater, Heiliger Geist, Mutter und Kind? In Wiesen, Wäldern und Feldern aufgewachsen, konnte ich hingegen in der Natur, in Pflanzen, Tieren und den Gestirnen am Firnament so etwas wie einen ewigen Schöpfungsprozess ausmachen und sogar Prinzipien erkennen, die mich und meine Person weit übersteigen. Prinzipien, die mich bis heute zum Staunen bringen, denen ich diene, die ich fürchte und verehre. Der Ägypter blinzelte irritiert.... Waren meine Formulierungen zu abstrakt? Dabei ist Allah doch keine Person, sondern ein Prinzip? Ich konkretisierte: Wenn ich auf meinem Weg zur Strassenbahn einen Regenwurm oder eine Schnecke finde, dann hebe ich das Tierchen auf und bringe es behutsam in Sicherheit. Der Blick des Islamisten hellte sich auf. Er reicht mir spontan seine Hand zum Vertragsabschluss und meint strahlend: „Das ist Gottesdienst!"

3. Quintessenz: Interkulturelle Konfliktvermittlung und Integration sind darauf angewiesen, dass MediatorInnen kollektive Ordnungsvorstellungen professionell verorten können: struktur- u n d personenadäquat. Das gleiche gilt für ihre eigene Moral! Das bedeutet: sowohl den Ordnungsvorstellungen der Fremden den gebührenden Respekt erweisen, als auch jene Regeln erkennen und benennen, die für die interkulturelle Integration und den sozialen Zusammenhalt in der eigenen Gesellschaft entscheidend sind. Dazu ist es unabdingbar, dass wir die Schatten sowohl im Eigenen mitdenken als auch in jedwelchen Ordnungsvorstellungen erkennen - seien diese idiosynkratisch oder kollektiv: Kernkultur ist stets auch die Kultur der Herrschenden – das gilt nota bene hier wie dort.

Epilog: Wir brauchen eine neue Aufklärung statt neue Kriege!

Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden
J. M. Keynes

Die Klimaerwärmung macht hoffentlich klar, dass unsere westliche Kernkultur nicht zukunftsträchtig ist: Wir sind das falsche Modell! Basta! Jene konkreten Kernkulturen, die das überleben auf unserem Planeten für alle sichern, sind, samt ihren Rahmenbedingungen, erst noch zu finden - im gemeinsamen und allseitigen Dialog. Doch immer noch wehren wir ihn in Europa mit aller Kraft ab: den Blick auf den eigenen Schatten. Niemand will Schwarze Pfötchen haben, und so fressen wir alle gerne Kreide – von rechts über die Mitte bis links und grün. Alle blenden aus, dass unsere moderne Kernkultur auf beides abstellt: auf die grenzenlose menschliche Gefrässigkeit sowie auf den unökologischen Zugriff auf die globalen Ressourcen, den sich der Westen dank modernster Technologie strukturmächtig angemasst hat. So ignorieren wir, dass derzeit unser Sozialstaat, unser Recht, erst recht „unsere“ Wissenschaft Kunst und Kultur mit der globalen Kapitalzirkulation und dem grenzenlosen Wachstum eng verbunden sind.

Wir brauchen eine neue Aufklärung: Ordnungsvorstellungen, die wir nicht länger christlichen oder islamischen Werten zuschreiben, sondern nüchtern im Kontext der technologisch-wirtschaftlichen Verhältnisse im Verband mit den politischen, rechtlichen und sozialen Strukturen begreifen. Aufgeklärte Konzepte, die Ambiguität zulassen und Widersprüchliches erfassen. Nur so lernen wir mit dem Paradox umzugehen, dass wir weder aus der gesellschaftlichen Struktur die Ordnungsvorstellungen eines einzelnen Individuums eruieren noch aus dem Verhalten einzelner Individuen auf die kollektiven Ordnungsvorstellungen schließen können. Die beiden Ebenen, die individuelle und die gesellschaftliche, sind interdependent - und dennoch hat und erzeugt jede ihre eigene Dynamik.

Für das friedliche und gelingende Zusammenleben gilt es künftig stets beides im Auge zu behalten:

  • Die Strukturen, die uns - als mehr oder weniger geeignete Annäherungen - erlauben, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen und zu verändern, aber auch Prognosen zu machen und die nötige Prävention zu leisten, auf die unsere Großgesellschaften angewiesen sind.
  • Die einzelnen Individuen mit ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten, aber auch mit ihren Lügen und Listen. Zu würdigen ist auch ihre Sehnsucht nach Einzigartigkeit und Einmaligkeit sowie ihr Wunsch nach einer Bedeutung, die weit über das eigene Leben hinausreicht - ich nenn’s zärtlich: das Ewigkeitsstreben.

Diese neue Aufklärung fordert vorab die Wissenschaft heraus. Kant hat, als erster Philosoph der Weltwirtschaft, die Moral individualistisch konzipiert - blind für die ungleichen Strukturen, auf denen bereits der damalige Welthandel basierte. Das ist verzeihlich. Dennoch hat Kant als Universalgelehrter ganzheitlich und umfassend gedacht und sich an der Idee eines weltweiten Gemeinwohls orientiert - was für ein Verdienst!

Inzwischen werden sämtliche Wissenschaften über die globale Kapitalzirkulation finanziert – etwas, das viele WissenschafterInnen die Idee des Gemeinwohls vergessen liess. Ebenso selten denken sie darüber nach, wie sie selbst finanziert sind, welche Ressourcen sie beanspruchen, was für Kosten sie verursachen und wer für diese aufkommen muss. Stattdessen machen sie sich’s fraglos im Rahmen der grenzenlosen Wachstumswirtschaft bequem: Zum selbstreferenziellen System verkommen, haben sich viele Disziplinen weit vom Leben, von den Sorgen und Problemen der Menschen auf diesem Planeten entfernt. Doch Hoffnung bleibt: Immerhin haben im 20. Jahrhundert einige Quanten- und Astrophysiker damit begonnen, über den Gartenzaun ihrer Disziplin hinauszudenken. Erstaunlich, was Erwin Schrödinger notiert: „Der Grund, weshalb unser empfindendes, wahrnehmendes und denkendes Ich nirgendwo in unserem wissenschaftlichen Weltbild angetroffen werden kann, lässt sich leicht in sechs Worten ausdrücken: weil es selbst dieses Weltbild ist.“ Aufgeklärte WissenschafterInnen sollten deshalb nicht nur ihre professionellen Lichtseiten betonen, sondern auch die damit verbunden Schattenseiten aufdecken: Es geht häufig auch um Status und Einkommen, Karriere und Ruf.

Die neue Aufklärung verlangt noch mehr: eine intensivierte und auf das Gemeinwohl fokussierte transdisziplinäre Zusammenarbeit. Eine Transdisziplinarität, weniger vertikal und hierarchisch, sondern sozial und geographisch möglichst horizontal orientiert ist. Bescheidenheit und Kühnheit sind gefragt: Die Bescheidenheit zu erkennen, wo das eigene Wissen an Grenzen kommt und auf andere Disziplinen angewiesen ist; die Kühnheit, das Ganze sehen und verstehen zu wollen, obwohl wir es mit einer Komplexität zu tun haben, die voller Widersprüche und Paradoxien ist. Eine am Gemeinwohl orientierte Wissenschaft wird zudem die Erfahrungen, Sorgen und Anliegen der Menschen in ihrem Alltag erfassen und die Weltbilder, die sich die Betroffenen daraus basteln, ebenso ernst nehmen wie jene, welche die Wissenschaft hat und fabriziert.

Dass und wie diese Herausforderung zu bewältigen ist, habe ich jüngst von Professor Wolf Singer gelernt. Für die Hirnforschung ist klar, dass die menschliche Intelligenz in ihren kognitiven, sozialen und emotionalen Leistungsaspekten im Alter von 16 bis 18 Jahren mehr oder weniger definitiv formiert ist. Heisst das: Der Karren ist geführt! Pech oder Glück gehabt? Nicht ganz! Was sich weiterentwickeln lässt, ist der Sinn für Komplexität - eine Intelligenzleistung, die mit dem Alter zunehmen und bis zum Tode weiterwachsen kann, das zumindest glaubt Professor Singer - was für ein Trost!

"Mancher wird erst mutig, wenn er keinen Ausweg mehr sieht",

dieser Satz von William Faulkner gilt hoffentlich für uns alle, ob wir Laien oder WissenschafterInnen sind. Und so ist es höchste Zeit, nach einem Ausweg für das soziale und ökologische Desaster zu suchen, das wir Menschen im Westen uns und dem Rest der Welt eingehandelt und vorgelebt haben.

Weder alte noch neue Kriege sind die Lösung!

©Verena Tobler Linder*

Quellenangaben:

  1. So hat z. B. George Soros der NGO Human Right Watch (HRW) im September 2010 100 Mio Dollar gespendet.
  2. Tobler, Venena.: Human Rights in an Unequal World Economy Diffculties and Opportunities: 4, www.kernkultur.ch, »HumanRightsTextDef.pdf
  3. Tobler, Verena: Systemdynamik und Phantasmagorien in der Weltwirtschaft. In: Gesellschaft für Ethi­sche Forschung (Hg.): Arbeitsblätter Nr. 2, 1993: 25-44.
  4. Huntington, Samuel P.: The Clash of Civilizations? In: Foreign Affairs,1992, S. 23 – 49.
  5. Münkler, Herfried: Die neuen Kriege. Reinbek 2003.
  6. Vgl. sämtliche Texte auf: »www.kernkultur.ch
  7. Maslow, Anton: Motivation and Personality, New York 1954.
  8. Müller, Hanspeter: How to explain the differences in development of African ans Asian Countries? »http://www.ethnomaps.ch/hpm-e/atlas-e.html
  9. Vgl. WWF: »http://www.footprintnetwork.org/images/article_uploads/LPR2014_summary_low_res.pdf
  10. Tobler, Verena: Struktur- und Kulturblindheit in unserer Verfassungsgemeinschaft? In: Beat Sitter-Liver (Hg.): Herausgeforderte Verfassung: Die Schweiz im globalen Kontext, Universität Freiburg Schweiz 1999: 109 – 130.
  11. widersprüchliche Doppelbotschaft, von einer Machtposition ausgesendet: die Erwartungen/Anforderungen sind von einer Art, dass sie der Adressat a priori nicht erfüllen kann. Double Binds gelten als krankmachende Kommunikation.
  12. Tobler, Verena: Nachdenken über die zunehmende Einwegmigration: Zur Quadratur des Kreises. In: VSH-Bulletin Nr. 4, November 2015: 42 - 52.
  13. Die Zeit: »http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-08/uganda-homosexuelle-gesetz-verfassungsgericht
  14. Referat für den Verband Schweizer Amtsvormunde (SVA): Von der Kunst des Krötenschluckens »VSAKunst-des-Kroetenschluckens.pdf. Oder: Tobler, Verena: Stolpersteine der interkulturellen Behördenkommunikation. In. Rühle E.: Interkulturelle Kompetenz in der Verwaltung, Wiesbaden 2001: 49 – 82.
  15. Tobler, Verena: Wenn Frauen in Männerrollen steigen: von der Geschlechter- zur Berufsrollenhierarchie. In: Brander, S. u.a. (Hg.): Geschlechterdifferenz und Macht. Reflexion gesellschaftlicher Prozesse. Freiburg Schweiz 2001: 187–207.
  16. Westen, Drew: Self and Society. Narcissism, collectivism, and the development of morals. New York 1988.
  17. Roth, Gerhard: Fühlen, Denken, Handeln. Frankfurt am Main 2001: 450-56.

Grafik: mit freundlicher Genehmigung © www.stuttmann-karikaturen.de

Foto: cortona.ethz.ch*Verena Tobler Linder wurde 1944 in Winterthur (Schweiz) geboren. Sie hat eine Erstausbildung als Primarlehrerin, später das Lizenziat als Ethno- & Soziologin (Universität Zürich) sowie ein Diplom in Supervision und Organisationsberatung erworben. Seit 2002 übt sie eine selbständige Lehr-, Kurs-, Referats- und Beratungstätigkeit aus, insbesondere zum Thema „Interkulturelle Konflikte und deren Überwindung“. Sie erteilt Kurse zur interkulturellen Kommunikation und Integration für: Spital-, Psychiatrie und Gefängnispersonal, für Schulen, Krippen, Horte, Mitarbeitende von Sozialämtern, Gemeinden, Gerichten, des Bundesamtes für Flüchtlinge und Immigration und andere vom Thema Betroffene.

mehr von und über Verena Tobler Linder können Sie »hier nachlesen und/oder noch viel mehr, direkt auf ihrer »Homepage.

Weiterführende Links: