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Seit etlichen Tagen Sorgen die „massenhaften sexuellen Übergriffe“ in deutschen Medien für Schlagzeilen. Demnach sollen sich rund 1.000 Männer in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof versammelt haben, die angeblich „arabischer oder nordafrikanischer Herkunft“ waren und mitten im Getümmel von Raketen und Böllern die Situation ausgenutzt und sexuelle Übergriffe auf Frauen ausgeübt und diese zugleich ausgeraubt haben.

 


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von Zaman Masudi

Dies solle sich auch in kleinerer Dimension in Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart, München und Berlin abgespielt haben. In den vergangenen Tagen haben rund 500 Frauen in Köln Anzeige erstattet von denen sich rund 40% auf sexuelle Übergriffe beziehen. In Hamburg haben rund 100 Frauen Anzeige wegen sexueller Gewalt und Raub erstattet.

Abgesehen von der scheibchenweisen Berichterstattung hinsichtlich der Ereignisse und der Verschleierung der Hintergründe, sind die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht mit aller Härte zu verurteilen. Es darf nicht zugelassen werden, dass es frauenfeindliche Ideologien ermöglicht wird, in der Gesellschaft Oberhand zu gewinnen.

Gegen jegliche Anordnungen die versuchen das Auftreten von Frauen bzw. ihre Kleidung und ihre Lebensweise zu bestimmen, muss mit aller Härte vorgegangen werden.

Doch zugleich darf nicht zugelassen werden, dass rassistische und faschistische Kräfte und auch der Staat aus den Ereignissen zur Ausbreitung ihrer politischen Anti-Flüchtlingsziele Profit ziehen und das Ganze zu kriminalisieren versuchen, um die Bevölkerung mit sich in Einklang zu bringen. Die Freiheit der Frau darf nicht zum Opfer einer imperialistischen und fundamental islamischen Politik werden bzw. zum Spielball deutscher und islamischer Faschisten werden. Um dies zu vermeiden, bedarf es einer Grundlegenden Kenntnis des kapitalistischen Systems, das selbst für Frauenfeindlichkeit, weltweiter Massenflucht von Menschen und Obdachlosigkeit, monströsen Religionen und faschistischen und rassistischen Strömungen sorgt; verheerende Kriege und eine frauenfeindliche Kultur prägt.

Wenn wir uns auf die Ereignisse in Köln, Hamburg und …. beschränken, werden wir nicht nachvollziehen können, was die Ursachen der Flüchtlingskrise sind und weshalb amerikanische, britische, französische und russische Bomben den Nahen Osten durchwühlen und die Menschen in ihren Häusern begraben, die repressiven faschistischen, islamischen und christlichen Kräfte sich erheben und Millionen Menschen obdachlos werden und die Flucht ergreifen, und ein paar dieser Flüchtlinge, die selbst Opfer der global herrschenden Wirtschaftspolitik sind, zu Tätern werden und gewaltsame Übergriffe auf Frauen ausüben. Sie repräsentieren die gleiche frauenfeindliche Haltung, die in ihren Ländern zur Tagespolitik geworden und sogar gesetzlich verankert ist. Tausende Frauen, die aus den bestehenden höllischen Verhältnissen dieser Länder in der Hoffnung auf Erlösung nach Europa geflüchtet sind, haben diese Erfahrung gemacht und können dies nachvollziehen.

Wenn wir nicht in Lage sind zu verstehen, dass die Invasion in Afghanistan und Irak, die Bomben in Syrien und Libyen, die Entstehung Ultra reaktionäre Kräfte wie die Taliban, El Kaida, Nasr Front, IS und …. zu Folge haben, sie sehen ihren Weg als Erlösung von dem barbarischen System des Kapitalismus und verbreiten ihre reaktionäre Ideologie in den betroffenen Gebieten unter einem Teil der Bevölkerung. Wir werden dabei zum Opfer unserer oberflächlichen Betrachtungsweise und zur Reservearmee der Großmächte und deren Interpretation und Narration der Geschehnisse.

Doch wir werden nicht ermüden und verkünden:
Gewalt gegen Frauen ist ein Bestandteil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems der kapitalistischen Klassengesellschaft, das Gewalt gegen Frauen und deren Benachteiligung in westlichen Ländern, in Europa, im Nahen Osten und in Afrika produziert. Die Gewalt gegen Frauen wird in diesen gesellschaftlichen Konventionen unterschiedlich angetrieben. In Vorherrschaftskriegen, Stellvertreter- und Bürgerkriegen wird die Vergewaltigung der Frau zur Kriegswaffe um den Feind zu erniedrigen. Dieses Phänomen hat sich in den Kriegen in Jugoslawien, Kongo, Afghanistan, Irak, Republik Zentralafrika, Tschad, Sudan und….. ereignet. Allein im Jugoslawienkrieg wurden 20.000 Frauen vergewaltigt.

Wir werfen einen kurzen Blick auf einige Statistiken:

  •  In der US Luftmarine liegt die Vergewaltigung von Frauen bei 20%. Rund 80% der betroffenen Frauen erstatten aus Schamgefühl und Angst keine Anzeige. In den USA werden jährlich rund 700.000 Frauen sexuell belästigt oder vergewaltigt.
  •  Pro Stunde wird eine Frau in Indien vergewaltigt.
  •  Von vier Frauen wird eine Frau in Südafrika vergewaltigt und jährlich werden sich 64.000 als Opfer von Vergewaltigung bei den Behörden melden. Frauenorganisationen gehen von einer 10 bis 25 fachen Dunkelziffer bei Gewalt gegen Frauen aus.
  •  Rund 130 Millionen Mädchen werden jährlich beschnitten.
  •  Laut WHO sind mindestens 20% der Frauen in ihrem Leben mindestens einmal physischer oder sexueller Gewalt seitens der Männer ausgesetzt.
  •  2013 wurden in Deutschland 46.793 sexuelle Gewalttaten gegen Frauen registriert, davon 7.408 Vergewaltigungen.
  •  In den USA, England und Norwegen werden pro 100.000 Frauen 30 vergewaltigt, dagegen liegt die Quote in Indien bei 2,6.


 

Laut einer Umfrage unterlagen in Deutschland rund 8,6% der Frauen mindestens einmal sexueller Gewalt. In den USA liegt die Zahl bei 15-25%. Diese Statistiken zeigen nur einen Teil der sexuellen Gewalt gegen Frauen. Die Folgen dieser Gewalt bleiben über Jahre und manchmal sogar lebenslang, sie zeigen sich in Depressionen, Angst und nervösen Attacken, Drang zu Selbstverletzung, Schlaflosigkeit und Selbstmordversuchen. Aus diesem Grund sagen wir zu Recht, dass die Gewalt gegen Frauen ein weltweites Phänomen ist und in der heutigen Zeit durch die politischen, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Maschinerie des Kapitalismus produziert und reproduziert wird.

Dieses Phänomen ereignet sich manchmal sogar durch gezielte staatliche Organisationen. Als Beispiel sind die Zwangsverschleierung, die Steinigung und die Säure-Attacken im Iran, oder die Vergewaltigung von Frauen auf dem Tahir-Platz durch den Mubarak-Mob zu nennen.

Die Ereignisse von Köln sind zu einer günstigen Gelegenheit für frauenfeindliche, rassistische und faschistische Kräfte geworden. Während in manchen Medien das ganze Jahr über tagtäglich sexistische Szenen von Frauen ausgestrahlt werden in denen sie quasi als Objekt dienen, sind genau diese Medien nun zu feurigen Verfechtern der Gewalt gegen Frauen und der Anti-Diskriminierung geworden. Das ist die Spitze der Verlogenheit und Scheinheiligkeit. Unter Ausnutzung der abscheulichen Taten, strahlen diese Medien eine rassistische Fassade aus, um so die Menschen von der Unterstützung von Flüchtlingen abzubringen.

Jährlich werden 10 Frauen beim Oktoberfest in München vergewaltigt und erstatten Anzeige. Die Dunkelziffer soll dabei bei 200 Fällen liegen, jedoch scheinen die Medien - „Helden der Gewalt gegen Frauen“ - davon nie etwas gehört zu haben.

Nun stehen alle Flüchtlinge, alle Afrikaner und Araber unter »Generalverdacht. Doch der herrschende Rassismus der Medien und der staatlichen Organisationen scheint unsichtbar. Ein Rassismus denen die Flüchtlinge tagtäglich und jeder Stunde und Minute unterliegen. Dabei bleibt verborgen, dass die Frauenfeindlichkeit und Gewalt gegen Frauen ein struktureller Stützpunkt das herrschende System ist. In diesem rassistischen Bild, in dem die Täter „Schwarze, Moslems, Araber, Türken und Menschen anderer Kulturen sind und …“ ist kein Platz für die Vergewaltigungen des „weißen“ Mannes. Die Ereignissen von Köln können als Selbstverherrlichung zur Schau gestellt werden und zugleich die herrschende Gewalt gegen Frauen in Deutschland vergessen machen; über die jährlichen 7.000 bis 8.000 Vergewaltigungsanzeigen von Frauen wird jedoch schamlos geschwiegen. Die Statistiken offenbaren nur einen kleinen Teil der herrschenden frauenfeindlichen Konventionen, die durchsickern und an die Öffentlichkeit geraten.

Faschistische und rassistische Parteien und Kräfte wie „die Alternative für Deutschland“ und „ NPD“ sowie „PEGIDA“ haben nun eine günstige Lage erwischt. Während sie bis gestern noch in ihren wöchentlichen Demonstrationen bedauerten, dass die Konzentrationslager nicht mehr existieren, haben sie nun in einigen Städten wie Düsseldorf eine Bürgerinitiative zur „Schutz von Frauen gegenüber Flüchtlinge“ gegründet. Die Bundesregierung sieht diese Gelegenheit als Willkommen und stützt sich nun nicht nur auf die Gefahr vor „Terrorismus, sondern auch auf die „Gefahr vor Flüchtlingen“ um demokratische Prinzipien zu untermauern und seinen Polizeistaat weiter »auszubauen.

Es geht nicht darum, dass die Teilnehmer an den Ereignissen in Köln überwiegend Migranten oder Flüchtlinge waren, oder das man bei den Flüchtlingen, die selbst aus dem Inferno, das ihnen der barbarische Kapitalismus beschert hat, geflüchtet sind, hätte bei ihre abscheuliche Tat ein Auge zudrücken müssen; vielmehr geht es darum, dass die Gewalt gegen Frauen zum Mittel um rassistische und flüchtlingsfeindliche Politik auszuüben und dies zu missbrauchen.

Zweifellos muss Gewalt gegen Frauen, in jeder Form unabhängig vom Täter bekämpft werden ohne zu schweigen. Dies ist der einzige Weg um die Bevölkerung davon abzubringen in den Sumpf der niederen und sinnwidrigen Kultur „Bürger gegen Bürger“ zu versinken. Dabei ist unabhängig, ob diese Gewalt durch „Weiße“ oder „Schwarze“ oder Araber, unter welcher Flagge und Ideologie ausgeübt wird. Es ist nicht zu vergessen, dass alle Religionen, spezifisch die abrahamitischen Religionen gefüllt von frauenfeindlich Regelungen sind, zumal in der heutigen Zeit die Expansion des islamischen Fundamentalismus und des faschistischen Christentums eine wichtige Rolle in der Ausbreitung frauenfeindlicher Verhalten spielen. Entscheidend sind dabei die gesellschaftlichen Verhältnisse, die durch die Objektivierung der Frau das Fundament für Gewalt gegen Frauen und der Verfestigung und Aufzwang des Patriarchats schaffen.

Obwohl die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen das Fundament für Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen darstellen, darf man keine Sekunde vom Widerstand und Kampf gegen jegliche Diskriminierung abweichen. Diesbezüglich der Organisationsgrad der Frauen selbst ist ein lebenswichtiger Antriebsfaktor.Gegen imperialistischen und fundamentalistischen Alternativen muss andere Alternative gesetzt werden , damit der imperialistischen Vorherrschaft, den Stellvertreterkriegen und der ethnischen Völkerkriegen ein Ende gesetzt wird, ein Ende der Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen und ein Ende der Armut und der Klassenkluft.

© Zaman Masudi
Koordinationsrat der Iranerinnen und Iraner in Hamburg e.V.

Grafik: © Thomas Wolf, www.foto-tw.de / Wikimedia

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