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Wieder sind bei einem Bootsunglück 500 Flüchtlinge ums Leben gekommen. Das massenhafte Sterben im Mittelmeer ist die direkte Folge der einerseits bellzistischen (Libyen verwüstet), andererseits sich abschottenden (Deals mit der Türkei) Politik der Europäischen Union. 500 Tote bei einem einzigen Bootsunglück – ein solch fürchterliches Unglück hätte der Aufmacher bei ARD-aktuell sein müssen, einen „Brennpunkt“ hätte es gerechtfertigt, ausführlichste Berichte über alle Umstände….

 


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Betreff: Programmbeschwerde: Bootsunglück im Mittelmeer – 500 EU-Opfer
Datum: 22. April 2016 um 17:04:47 MESZ
An: "NDR RR VWR" »[email protected]
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Programmbeschwerde: Bootsunglück im Mittelmeer – 500 EU-Opfer

von Volker Bräutigam* & Friedhelm Klinkhammer**

 

Sehr geehrte Frau Vorsitzende,
in der ARD-aktuell-Berichterstattung spielte der Vorfall nur eine nachgeordnete Rolle, ganz im Gegensatz zu dem Brüssel-Ereignis, das tagelang in allen denkbaren Variationen (von gefakten Videos bis zu emotional nahegehenden Informationen) den ARD-Bildschirm beherrschte. Es waren diesmal ja wieder bloß Afrikaner bzw. Kleinasiaten, keine wertvolleren Europäer….

Am 20.4.2016 gab es in der Tagesschau-Ausgabe um 20.00 Uhr eine 30 Sekunden-Meldung (an vierter Stelle) über das Unglück und zwar in einer Konjunktiv- Könnte sein - Version.

Am 21.4.2016 folgte in der Frühe um 6.06 Uhr ein 2 :17 m Bericht, der auf 1:14 min gekürzt um 9:14 Uhr wiederholt wurde. Um 17:00 und 17:45 Uhr erschien selbst unter "Wichtige Informationen" keine Nachricht zu dem schrecklichen Unglück.

In der Tagesschau-Ausgabe am 21.4.16 um 20:00 hiess es noch immer, dass sich "das Unglück ereignet haben soll", obwohl die Vereinten Nationen bereits die ersten Geretteten befragt hatten. Auch die Zahl der Opfer wird vernebelt: Obwohl die UNHCR von bis zu 500 Toten spricht, zitiert Tagesschau die Vereinten Nationen mit: "Die Vereinten Nationen vermuten, dass mehrere hundert Menschen umgekommen sind". In den Tagesthemen am Abend gab es zu dem Unglück nicht den geringsten Hinweis mehr. Queens-Geburtstag war wichtiger. Erst in der Nacht – als es kaum noch Zuschauer gab – rang sich ARD-aktuell zu der Nachricht durch, dass die bisherigen Informationen über das Unglück wohl den Tatsachen entsprächen.

Mit Verlaub: Ein unter keinem journalistischen Gesichtspunkt vertretbarer Informationsstil, eine inakzeptable Nachrichtengestaltung. Sie findet ihre Entsprechung in der wachsenden Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft gegenüber dem Elend unserer Zeit, sie demonstriert den rapiden Verlust an Mitmenschlichkeit. Es zeigt sich in dieser Art Nachrichtengebung eine geradezu niederschmetternde Achtlosigkeit vor dem Sterben hunderter, tausender unglücklichen Menschen; bedrückend, was der Gniffkesche Qualitätsjournalismus hier für ein Nachrichtenverständnis zeigt.

Diese verzerrende und im Vergleich zu den Brüssel-Ereignissen klägliche – vorwiegend – Nachtzeit- Berichterstattung - ist mit den staatsvertraglichen Programmrichtlinien unvereinbar. Die wesentliche Ursachen des Unglücks – die Zerstörung Lybiens durch die "westliche Wertegemeinschaft" und die EU-Flüchtlingspolitik der Herrschaften Junker, Merkel und Co mittels Versperren ungefährlicher Fluchtwege und damit der Inkaufnahme von Opfern dieser immensen Größenordnung wird in den Sendungen von ARD-aktuell gleich völlig ausgeblendet. Als Verantwortliche werden wie üblich nur die Schlepper genannt. Auch die Vokabel "Menschenrechtsverletzung" war nicht zu hören. Die ist bei ARD-aktuell anderen Anwendungsbereichen vorbehalten, dabei wird nie auf unser Land und unsere Regierung gezeigt oder auf die USA, sondern da werden Russland oder China bezichtigt.

Es ist die übliche ARD-Polithörigkeit: Im Herbst im Chor mit Frau Merkel eine emotionalisierte Flüchtlingsberichterstattung, jetzt, nach dem Abschluss der inhumanen Flüchtlingsdeals mit der Türkei, wieder das wahre Gesicht: Was kümmern uns die im Mittelmeer Ertrunkenen?

Wir möchten an dieser Stelle zitieren, was ARD-aktuell über den eigenen journalistischen Anspruch kürzlich mit großem Pathos behauptete:

"Die Herren Klinkhammer und Bräutigam bezeichnen die im Blog-Einstieg vom Verfasser gestellte Frage „Gibt es für Journalisten eine moralische Grenze...“ als rhetorisch. Es handelt sich hierbei um eine Frage, die sich nicht nur der Verfasser tatsächlich stellte, sondern die sich alle Mitarbeiter von ARD-aktuell immer wieder stellen und auch in Zukunft stellen werden. Das ist für uns fester Bestandteil eines verantwortungsvollen Journalismus im Dienste des Zuschauers.“

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass uns angesichts der Diskrepanz zwischen Selbstanspruch und Realität bei ARD-aktuell nur noch mit »Max Lieberman zu reden einfällt:

Man kann jarnich soville fressen, wie man kotzen möchte."

Mit höflichem Gruß

F. Klinkhammer und V. Bräutigam

»*Volker Bräutigam war von 1975 bis 1985 Redakteur in der Tagesschau-Zentrale Hamburg und auch danach noch, bis 1995, beim öffentlich-rechtlichen NDR (in der Hauptabteilung Kultur) als Journalist tätig. Er schreibt heute für die Politik-Zeitschrift Ossietzky. Als Nachfolgerin der "Weltbühne" orientiert sie sich strikt an diesem Vorbild. (s.a.»http://ossietzky.net). 

**Friedhelm Klinkhammer war langjähriger Gesamtpersonalvorsitzender des NDR

Grafik: © ChrisHamburg / Wikimedia

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