aktuelle News

Betreff: Eingabe zu "Faktenfinder" - Hohe Reichweite vom 22.6.17
Datum: 1. November 2017 um 11:22:32 MEZ
An: "NDR RR VWR" »[email protected]

 



tagesschau.gif

Eingabe: zum Beitrag: hohe Reichweite

von Volker Bräutigam* & Friedhelm Klinkhammer**

Sehr geehrte Rundfunkräte,

neben unserer Beschwerde vom 25.6.2017, die Sie willkürlich in eine "Anregung" umdeuteten, richten wir nunmehr aus weiteren Gründen eine Eingabe über denselben Beitrag an Sie.

Der "Faktenfinder"-Beitrag verstößt gegen verschiedene Programmrichtlinien:

Zunächst fällt auf, dass der Beitrag – wie in diesem Rahmen fälschlich vorgegeben - keine "Fakten findet", sondern lediglich Vermutungen und Spekulationen enthält. Und zwar durchgehend. Bereits im ersten Absatz heisst es:

"Mehrere Untersuchungen legen nahe...."

Fakten, Tatsachen? Fehlanzeige.

Erwähnt wird eine Forsa-Befragung im Auftrag der Landesmedienanstalt NRW. Aus ihr leitet ARD-aktuell ab, dass einer hohe Anzahl Internet-Usern (59%) Fake-News "bereits begegnet seien". Diese generalisierende Schlussfolgerung ist faktenwidrig, denn die Forsa-Untersuchung sagt etwas ganz anderes:

"59 Prozent der Befragten sind persönlich schon einmal (vermutliche) Fake News bzw. Falschnachrichten im Internet aufgefallen.

Forsa legte also nicht dar, in welchem Umfang tatsächliche Fake News wahrgenommen werden, sondern versuchte eine Qualifizierung des Informationsangebots auf der Basis einer Meinungsumfrage. Die unwissenschaftliche Auslegung, die ARD-aktuell an dieser Studie vornimmt, ergibt blanken Unsinn. Es handelt sich bei derartigen Untersuchungen um eine der üblichen Meinungsumfragen, mit denen der Meinungsbildungsprozess im gesellschaftlichen Diskurs manipuliert wird. Dies wird im letzten Teil der Untersuchung auch deutlich: Dem Forsa-Unternehmen ging es offenkundig auch darum, im Rahmen einer regierungskonformen Akzeptanzstrategie das antidemokratische Maas-Gesetz vermittels der Datenerhebung leichter durchsetzbar zu machen. Ein klassischer Fall, dass Meinungsforschung zur Meinungsprägung missbraucht wird.

ARD-aktuell macht sich erneut - distanzlos und unkritisch - zum Übermittler und damit Propagandisten im Rahmen problematischer Umfrageprojekte. Und widerlegt sich damit auch noch selbst. Am 16.01.2013 war auf Tagesschau.de zu lesen:

"Umfragen von Forsa sind mit äußerster Vorsicht zu genießen. Sehr häufig liegen sie weit weg von dem, was die meisten anderen Meinungsforschungsinstitute messen.

Ist die Inkonsequenz erstaunlich , die ARD-aktuell hier vorführt? Nein. Sie ist vielmehr idealtypisch Dr. Gniffkes Linie: Fakten dienen dazu, dass die Redaktion sie sich ganz nach eigenem Bedarf zurechtlegt.

"Faktenfinder" lobt, dass jüngere Menschen den Wahrheitsgehalt von Newsangeboten im Netz genauer prüfen als ältere User und deutet das als Beleg für höhere Mediennutzungs-Kompetenz. Auch das ist unsinnig. Die Untersuchung zeigt auf, dass fast 70% der User nicht selbst auf die vermeintlichen Fake-News aufmerksam geworden sind, sondern bei Freunden oder in anderen Medien davon gehört hatten. Ein Nachweis für höhere Nutzungskompetenz lässt sich damit nicht führen.

Mit guten Gründen ließe sich die genau gegenteilige Wertung vornehmen: Es zeigt sich ein beachtenswertes Maß an Inkompetenz darin, dass die jüngeren Generationen sich trotz ihrer intensiven Nutzung des Internets gerade einmal zur Hälfte (der 25- bis 44-Jährigen) veranlasst sehen, angebotene Informationen auf ihre Faktenhaltigkeit hin zu überprüfen, während diese Frage der anderen Hälfte schnurzegal ist.

ARD-aktuell spricht von "guten Nachrichten" und von "schlechten Nachrichten". Das ist zwar üblicher Meinungsjournalismus, aber mit dem in den Programm-Richtlinien festgelegten Gebot der Unparteilichkeit und Objektivität unvereinbar.

Was Frau »Meike Isenberg in dem ARD-aktuell-Beitrag zur Medienkompetenz vorträgt, ist erkennbar interessengeleitet und damit nur bedingt aussagefähig. Es ist bekannt, dass sie als »Vertreterin der Landesmedieanstalt NRW für entsprechende umfassende Kompetenz-Projekte ihrer Organisation eintritt.

Einseitig dargestellt ist auch die »Studie der Uni Mainz über die Glaubwürdigkeit der diversen Medien. ARD-aktuell nutzt sie dazu, sich selbst herauszustreichen: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei der Studie zufolge Spitzenreiter. Die Werte hierzu sind jedoch alles andere als überzeugend, weil viele der Nutzer keine genaue Vorstellung davon haben, wer zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk zählt und wer nicht.

Viel präziser und aussagefähiger sind deshalb die Antworten zu den Programminhalten:

Da stellt sich heraus,

  • dass über die Hälfte der Befragten selten oder nie die etablierten Nachrichtensendungen (ARD-aktuell, Spiegel) nutzen.
  • 60 % bejahen (teilweise mit Einschränkungen) die Frage, dass Politik und Medien Hand in Hand arbeiten, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren.
  • Fast die Hälfte der Bevölkerung hält es für nicht ausgeschlossen, dass die Medien selbst die Meinungsfreiheit in Deutschland untergraben.
  • Nur jeder Dritte ist uneingeschränkt der Auffassung, dass Journalisten Ahnung davon haben, worüber sie sich äußern.

Es ist bezeichnend, dass ARD-aktuell diese hochproblematischen und auch für die Dr. Gniffke-Redaktion alles andere als schmeichelhaften Ergebnisse manipulativ ausblendet und nur das für das eigene Ansehen vermeintlich Positive extrahiert – und das auch noch im sogenannten "Faktenfinder“.

Auch hier gilt: Halbe Wahrheiten sind ganze Lügen. Deshalb liegt ein Verstoß gegen die Programmrichtlinien vor.

Heuchlerisch ist die ARD-aktuell-Kritik an der Nutzung des "Sleeper und Truth-Effekts“ (eine Behauptung in die Welt setzen und so oft wie möglich wiederholen, bis sie als Wahrheit begriffen wird). ARD-aktuell arbeitet mit diesem Effekt selbst seit langer Zeit, z.B. in der Berichterstattung über die vermeintlichen russischen Eingriffe in den US-Wahlkampf, über "moderate Rebellen" in Syrien (in Wahrheit waren und sind es dschihadistische Mörderbanden der al Kaida) oder über "regierungstreue Kämpfer" in der Ukraine, bei denen es sich in Wirklichkeit um Neofaschisten und Pro-Nazis handelt.

Mit freundlichen Grüßen
»Volker Bräutigam & Friedhelm Klinkhammer

»*Volker Bräutigam war von 1975 bis 1985 Redakteur in der Tagesschau-Zentrale Hamburg und auch danach noch, bis 1995, beim öffentlich-rechtlichen NDR (in der Hauptabteilung Kultur) als Journalist tätig. Er schreibt heute für die Politik-Zeitschrift Ossietzky. Als Nachfolgerin der "Weltbühne" orientiert sie sich strikt an diesem Vorbild. (s.a.»http://ossietzky.net). 

**Friedhelm Klinkhammer war langjähriger Gesamtpersonalvorsitzender des NDR

Quellenangaben:

  • Grafik: © giphy.com

Grafische Bearbeitung/Linksetzung durch 0815-Info.com