aktuelle News Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung gab es mitunter auch laute Töne und Ängste, die aus der Befürchtung heraus entstanden, das vereinigte Deutschland könne wieder zu einem Großdeutschland mutieren und seine Hände nach fremdländischen Begehrlichkeiten ausstrecken. Politiker aller Parteien verneinten dies lauthals. Man schickte Botschafter in alle Länder, um zweifelnde Regierungen umzustimmen usw. Und heute - verteidigen wir die deutschen Grenzen am Hindukusch. Aber es kommt noch besser ...



Der deutsche Michel setzt wieder seine Pickelhaube auf


von Tilo Schönberg


In einem Inselstaat, irgendwo vor Afrika und Lateinamerika, sind "ehtnische Unruhen" ausgebrochen. Das gesamte politische Bemühen von großkapitalistischen Industrienationen zur friedfertigen Beilegung der Rassenkonflikte ist jämmerlich gescheitert - die deutsche Marine muss ordnend eingreifen.

Laut Einsatzplanung müssen die "Konfliktparteien" mit militärischer Gewalt getrennt und zum Frieden gezwungen werden - durch Marine, Heer und Luftwaffe - deutsch natürlich! Das ganze, so schreibt es die Einsatzplanung vor, müsse so stattfinden wie einst im Kosovo. Die NATO wird nicht mitspielen, man geht von einer eigenständigen "EU-Operation" aus - notfalls mit den Russen und den Polen an Bord.

Eine Fiktion? Mitnichten - die deutsche Militärmaschine bastelt an weltweiten Einsätzen. Wolfgang Nolting, Vizeadmiral und Befehlshaber der deutschen Flotte, meint das alles durchaus ernst. Für ihn muss die deutsche Marine "auf der Hohen See weltweit handlungsfähig" sein, um mit einem "breiten Eskalations- und Deeskalationsspektrum" sowie "durch eine frühzeitige und glaubhafte Demonstration militärischer Fähigkeiten politische Ziele unterstützen zu können".

Noltings Planspiele kommen nicht von ungefähr. Letzte Woche trafen sich in Berlin die Herren Chirac, Blair und Schröder und sprachen über operative Zielstellungen einer sogenannten Kerntruppe, bestehend aus französischen, britischen und deutschen Elitesoldaten, die innerhalb von 15 Tagen weltweit mobilisiert werden könnten und so ausgestattet sind, das sie auch bei anzunehmenden Bodenkämpfen bis zu 30 Tage vor Ort bleiben können.





Zurück zum Kriegsspiel: Selbstverständlich schanzt sich die deutsche Marine ein großes Stück vom Kuchen zu, wenn es um die Rollenverteilung geht - und jetzt wird es richtig interessant. Zitat: "Schon seit Beginn der Krise operieren einige europäische See- und Seeluftstreitkräfte unter der jeweiligen nationalen Verantwortung in internationalen Gewässern vor der Küste" Zitatende. Nu guck einer da. Ohne UN-Mandat? Ohne irgendwas? Wer gibt den Einsatzbefehl? Joschka Fischer, Genosse Schröder, Münte oder Dosen-Trittin?

Weiter heisst es: Sobald der Rat der Europäischen Union den Kriegseinsatz beschließt, wird die europäische Armada einem gemeinsamen Befehlshaber unterstellt. Verstärkt durch eine Flugzeugträgergruppe werden zunächst die Flugzeuge und Schiffe des zu überfallenden Landes vernichtet ("Kampf gegen das gegnerische Luftkriegspotenzial", "Bekämpfung von Überwasserschiffen") und die eigene "Seeherrschaft" gesichert.

Drei Wochen nach dem Einsatzbeschluss wollen die deutschen Kriegsstrategen dann mit der Invasion beginnen. Unterstützt von bereits zuvor abgesetzten Einheiten beginnen ihre Landungstruppen die eroberten Stützpunkte auszuweiten. Nach zwei Monaten sind mehr als 50.000 Soldaten an Land stationiert, die mit Feuerunterstützung durch bordgestützte Flugzeuge und Kampfschiffe ihre eigentliche ,,Einsatzphase" beginnen und jeglichen Widerstand gegen die Besetzung des Landes niederschlagen.

Planspiele? Nur ein Sandkastenspiel von pupertären Pickelhaubenträgern?
Mir wird ganz übel bei dem Gedanken, das sich Deutsche unbehelligt schon wieder mit so etwas beschäftigen können. Ja - Hitler ist vergessen. Das nach dem völkerrechtswidrigen Einsatz im Kosovo keine deutschen Politiker und Bundeswehrsoldaten vor ein Gericht mussten, hat die Militärstrategen mutig werden lassen. Strucks Geschwafel von deutschen Grenzen am Hindukusch wurde belächelt - nicht wütend zurückgewiesen. Und nun planen wir den eigenmächtigen Militäreinsatz vor Nimmerland. Und lächeln wieder.

Über ihre künftigen Einsatzgebiete gibt die deutsche Marine keine klare Auskunft, auch wenn keine Zweifel darüber bestehen. "In entlegenen Randmeeren sehen wir das eigentliche Aufgabenfeld", erklärt der Befehlshaber der Flotte.

Warum so verschwommen Großkotz-Admiral Nolting? Sagen Sie doch, das Sie Afrika und Asien meinen! Was jetzt noch stört, ist dieses blöde deutsche Grundgesetz, das die Bundeswehr auf deutschem Boden hält, weil sie nur zur Verteidigung der deutschen Grenzen eingesetz werden darf. Und der 2+4-Vertrag besagt ausdrücklich, das von deutschen Boden "nur noch Frieden" ausgeht - obwohl das kann man ja interpretieren - wenn die Rohre dann endlich schweigen ist auch "Ruhe in Frieden".

Für die Deutschen, die bei weltweiten deutschen Krie ... ähh Friedensmissionen nicht mitmachen dürfen, stelle ich hier schon mal einen Ausreden-Katalog* zur Verfügung:

  1.  Das habe ich nicht gewußt.
  2.  Wenn das der Führer wüßte!
  3.  Es waren ja nur Untermenschen/böse Menschen/Terroristen
  4.  Es geht um einen guten Zweck (Großdeutschland, Nothilfe ...)
  5.  Was hätte man denn tun können?
  6.  Ich habe nur /meinen Job gemacht/die Waggons beladen/für Ordnung gesorgt
  7.  die da oben machen eh was sie wollen, was hat das mit mir zu tun, sowas kommt halt vor im Krieg
  8.  Ich habe keine Zeit für/Interesse an Politik/sowas.
  9.  Völkerrecht, Grundgesetz - das ist doch nur was für Juristen.
  10.  Ich war ja gegen den Krieg. Jaja, der Bush.
  11.  Hätten wir uns denn bei den Amis noch! unbeliebter machen sollen - die kaufen unsere Porsches dann doch nicht mehr ab?
  12.  Halten Sie das Maul und geben Sie Ruh, sonst setzt es was!

(*Ausreden-Katalog: Andreas Hauß, M.A.I.)


Quellen: Generic European Maritime Concept of Operations. Ein europäisches Konzept maritimer Operationen; Presse- und Informationszentrum Marine 18.02.2004; www.deutschemarine.de
Seeschlacht vor Poruee. Die deutsche Marine plant ihre Einsätze der Zukunft; Süddeutsche Zeitung 19.02.2004
Webseiten: german-foreign-policy.com, M.A.I.

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