aktuelle News Seit Jahren befinden sich die Finanzierungssysteme unserer Krankenkassen im Sturzflug. Leistungsabbau, höhere Beiträge - die Folgen kennen und spüren wir alle. Begründet werden die höheren Kosten ständig mit modernisierter Technik, moderneren und leistungsfähigeren Medikamenten usw. Das dem durchaus nicht so ist, davon handelt der nachfolgende Artikel.

...zwingt unsere Krankenkassen wirklich in die Knie?

Ich möchte Euch hier einen hochinteressanten Artikel der » Frankfurter Rundschau vorstellen. Seit Jahren befinden sich die Finanzierungssysteme unserer Krankenkassen im Sturzflug. Leistungsabbau, höhere Beiträge - die Folgen kennen und spüren wir alle. Begründet werden die höheren Kosten ständig mit modernisierter Technik, moderneren und leistungsfähigeren Medikamenten usw. Das dem durchaus nicht so ist, davon handelt der nachfolgende Artikel.



Arzneimittel-Tollhaus Deutschland

Das Diktat des Überflusses. 
Eine Bestandsaufnahme der gigantischen Verschwendungen im deutschen Medizinbetrieb von Kurt G. Blüchel*

Der von Bundesregierung und Opposition ausgehandelte Gesundheitskompromiss gebietet der systematischen Plünderung der Krankenkassen durch medizinische Überversorgung kaum Einhalt. Die Verschwendungsorgie im Gesundheitswesen koste die Versicherten aber jährlich fünfzig Milliarden Euro, kritisiert Kurt G. Blüchel. Ausländische Pharma-Multis erfänden völlig neue Massenkrankheiten, um den deutschen Markt für Arzneimittel zu vergrößern. Die Schulmedizin verkomme zur Quacksalberei; ihre Misserfolge machten das Gesundheitswesen unbezahlbar. Und die Politik kuriere den Medizinbetrieb zu Tode.

Der weltberühmte Arzt Ferdinand Sauerbruch, Chef der Berliner Charité im Dritten Reich, wurde einmal zu einem Notfall in seiner eigenen Familie gerufen. Bei dem schwer kranken Patienten handelte es sich um den Hund seiner Tochter. Nach dem Eingriff kommentierte er das Resultat seiner Bemühungen mit jener Bemerkung, die als geflügeltes Wort zu zweifelhaftem Ruhm gelangen sollte: "Operation gelungen, Patient tot."
Vor einem ähnlich jammervollen Schicksal steht vermutlich das soeben von Regierung und Opposition verabschiedete Gesundheitsreförmchen. Sein größter Fehler: Rücksichtnahme auf vordemokratische Systemstrukturen. Sein größtes Handicap: Nichtberücksichtigung eines rasant wachsenden Verschwendungspotenzials. Nicht etwa leere Kassen treiben den schwer angeschlagenen Medizinbetrieb in die Katastrophe, sondern die maßlose Vergeudung des Beitrags-Reichtums durch nimmersatte Interessengruppen.

Die Diagnose ist unstrittig, und sie gibt wenig Anlass zur Hoffnung: Das deutsche Gesundheitswesen, einst das Mekka der Medizin und jahrzehntelang von Experten im In- und Ausland als vorbildlich gepriesen, ist enorm überteuert und gleichzeitig unglaublich ineffizient. Im Ergebnis produziert es inzwischen mehr Kranke als Gesunde. Die Versicherten zahlen für die Luxusklasse, der Service allerdings ist - von rühmlichen Ausnahmen abgesehen - drittklassig. Dieses Fazit legen nicht nur internationale Studien mit zum Teil vernichtender Urteilsbegründung nahe, die beispielsweise der deutschen Herzmedizin - für viele das Filetstück unseres Medizinbetriebs - weit gehende Inkompetenz bescheinigen. Beschämender noch ist der Qualitätsstandard der deutschen Krebsmedizin, die seit Jahren im internationalen Ranking das Schlusslicht bildet. Mittlerweile ist selbst die wenig verwöhnte "Kundschaft" unzufrieden: Mehr als die Hälfte aller Deutschen bewerten nach jüngsten Umfragen die Qualität der "Leistungserbringer" im Medizinbetrieb als mangelhaft, in vielen Bereichen gar als völlig ungenügend. Hauptkritikpunkte: falsche und überflüssige Diagnosen sowie unsinnige und riskante Behandlungsmethoden.

Durchleuchtungswahn

In Deutschland werden jährlich rund 1250 Röntgenuntersuchungen pro 1000 Einwohner vorgenommen. In den Niederlanden und Schweden liegt diese Zahl zwischen 500 und 600. Dabei ist die ärztliche Versorgung in diesen Ländern auf Grund europäischer Vergleichsstudien erheblich besser als bei uns. Auf bis zu 50 Prozent der jährlich rund 100 Millionen von Internisten, Orthopäden, Chirurgen und Ärzten anderer Fachrichtungen durchgeführten Röntgenuntersuchungen könnte verzichtet werden, ohne dass die Qualität des ärztlichen Handelns darunter leiden würde - Einsparpotenzial: eine Milliarde Euro. Prof. Dr. Horst Kuni von der Universität Marburg weist darauf hin, dass infolge von Röntgenuntersuchungen in Deutschland etwa 50 000 Menschen jährlich an Krebs erkranken, 15 000 davon sterben.

Von den jährlich rund 200 000 an deutschen Kliniken vorgenommenen Gebärmutterentfernungen ist "mindestens jede Zweite überflüssig". Bei Frauen, denen auf Grund von Bauchbeschwerden der Blinddarm entfernt wurde, stellte sich laut Prof. J. Waninger von der Universität Freiburg heraus, dass in 75 Prozent aller Fälle die Beschwerden auch nach dem Eingriff noch vorhanden waren. Bei 40 Prozent aller Eierstockoperationen lag nach Prof. Dr. H. Koester, ehemaliger Direktor der Frauenklinik der Städtischen Kliniken Dortmund, keine ausreichende medizinische Begründung vor.

Die Zahl der Herzkatheter-Labors hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Katheteruntersuchungen um 250 Prozent auf rund 490000 angestiegen. "Sicher wird heute zu viel und zu unkritisch kathetert", erklärt Dr. Ernst Giert vom Städtischen Krankenhaus Offenbach. Aber: "Wer einen Hammer hat, tendiert dazu, jedes Problem für einen Nagel zu halten." Die Zahl der Ballondilatationen (mit Ballondilatationen werden Verengungen der Herzkranzgefäße aufgesprengt) ist gar um 400 Prozent angestiegen. Mit 4267 Linksherzkatheter-Untersuchungen pro eine Million Einwohner liegt Deutschland in Europa mit Abstand an der Spitze. Im europäischen Durchschnitt, so ist einem Herzbericht der obersten Landesgesundheitsbehörden zu entnehmen, wurden 1873 Linksherzkatheter-Untersuchungen pro eine Million Einwohner durchgeführt. Die meisten Herzkatheter-Unterschungen werden anscheinend nur um ihrer selbst willen gemacht, es schließt sich keine Therapie an. "Da kann man schon auf die Idee kommen", so der Berliner Herzspezialist Professor Eckart Fleck, "dass mancher Kardiologe mehr für sein Konto als für den Patienten arbeitet."
Deutschland nimmt im internationalen Vergleich mit rund 70 Betten je 10 000 Einwohner einen Spitzenplatz ein. Gleichzeitig dauert die Krankenhausbehandlung hier zu Lande mit durchschnittlich 12 Tagen je Krankenhausfall am längsten. Der Grund: Die Betten müssen belegt sein. Regierungsberater Professor Karl W. Lauterbach rechnete vor, dass hier zu Lande etwa 230 000 (von rund 550 000) Klinikbetten abgebaut werden müssten, um auf den internationalen Durchschnittswert zu kommen. Das Sparpotenzial beläuft sich in diesem Bereich auf rund 20 Milliarden Euro.

 





Unnötige Überdiagnostik

Bei der Krebsdiagnostik könnten nach Prof. Dr. Henning König von der Universität Erlangen bis zu 25 Prozent der Kosten eingespart werden. Die Einsparungen seien möglich, ohne dass die Qualität der Diagnosen und der nachfolgenden Behandlung leidet. Es sei lediglich erforderlich, auf die gegenwärtige "unnötige Überdiagnostik" zu verzichten - damit könnte gleichzeitig Zehntausenden von Patienten viel Leid erspart werden. Jedoch: "Das im Gesundheitssystem erbrachte Leistungsspektrum orientiert sich primär - völlig zu Recht - an den wirtschaftlichen Überlebenschancen der Leistungserbringer und nicht an den Bedürfnissen der Leistungsnehmer" (Patienten), wie einem Leitartikel des Deutschen Ärzteblattes zu entnehmen war.

Eine von der Schwäbisch Gmünder Ersatzkasse in Auftrag gegebene Studie ergab, dass 30 Prozent aller Knie-Operationen überflüssig sind und darüber hinaus 50 Prozent der Operierten mit dem Ergebnis nur bedingt oder gar nicht zufrieden waren. Andererseits ist es, wie Professor Jani in der Ärztezeitung Medical Tribune darlegte, innerhalb von nur drei Jahren zu einem Anstieg arthroskopischer Eingriffe von 600 Prozent gekommen. Bei 442 kontrollierten Spiegelungen des Magens waren 43 Prozent medizinisch unbegründet.

Deutsche Chirurgen amputieren bei Zuckerkranken viel zu häufig: In unseren Kliniken werden pro Jahr fast 30 000 Amputationen vorgenommen. "Das sind viel mehr als in anderen europäischen Staaten wie Frankreich, den Niederlanden, Italien und den skandinavischen Ländern", sagte Hans Henning Wetz von der Universität Münster. "Es könnten 8000 bis 10 000 weniger sein." Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Deutschland schon vor Jahren in einer Deklaration aufgefordert, die Amputationen bei Zuckerkranken zu halbieren.

Derzeit werden auf Grund von jährlich vier Millionen "grauen Mammographien" 100 000 Frauen operiert, die nicht operiert werden müssten, wenn stattdessen mit der Qualität der europäischen Nachbarländer wie zum Beispiel der Niederlande gescreent würde, heißt es in einem Gutachten des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Von den jährlich 100 000 operierten Frauen sterben im Schnitt 4000.

Überflüssige, d. h. medizinisch unbegründete Operationen werden fast allen Fachgebieten vorgeworfen. Insgesamt sollen sich von den jährlich acht Millionen vorgenommenen Eingriffen etwa die Hälfte als nicht notwendig erweisen. Der Münchner Medizin-Informatiker Wilhelm von Eimeren warnte vor allzu unspezifischen Massentests. Damit drohen die Deutschen zu einem "Volk von Vorsorgegeschädigten" zu werden.

Falls das Verhalten der Ärzte selbst und ihrer Familienangehörigen zum Maßstab genommen würde, könnten nach Schätzungen von Experten allein 30 Millionen Krankenhaustage oder ca. 22 Milliarden Euro eingespart werden - aber auch Zehntausende von Toten sowie Hunderttausende Medizingeschädigte pro Jahr verhindert werden. Bei Operationen der Gallenblase liegt die Eingriffshäufigkeit 84 Prozent höher, bei Hämorrhoiden-Operationen 83, bei Gebärmutteroperationen 53 Prozent und bei Mandeloperationen immer noch 46 Prozent höher als bei Ärzten und ihren Familienangehörigen. Lediglich bei
Blinddarmoperationen liegen die Vergleichszahlen bei der übrigen Bevölkerung mit acht Prozent nur unwesentlich höher als bei Ärzten. Dafür lehnen fast 95 Prozent der Ärzte für sich und ihre Familienangehörigen eine Chemotherapie bei Krebs ab.

Das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen hat errechnet, dass die Lebenserwartung der Bevölkerung im gleichen Maße sinke wie die Arztdichte in Ballungsräumen zunehme. Der renommierte Medizinpublizist Dr. med. Hans Halter ist auf Grund eigener Nachforschungen zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen gelangt: "Bürger, die in einem Gebiet mit vielen Ärzten und reichlich Krankenhäusern wohnen, verwandeln sich rascher in Patienten, werden häufiger operiert, nehmen mehr nebenwirkungsreiche Medikamente und sterben, gemessen am statistischen Durchschnitt, früher." 46 Prozent der Ärzte sind nach einer Emnid-Umfrage davon überzeugt, dass es in Deutschland zu viele Ärzte gibt. Zwei Drittel aller Patienten haben das Gefühl, dass im Verlauf einer Behandlung mit wechselnden Ärzten viele Untersuchungen doppelt vorgenommen werden. Rund die Hälfte aller Patienten hat die Erfahrung gemacht, dass Ärzte überflüssige Leistungen erbringen. Die Ärzte bestätigen diese Erfahrung: Zwei Drittel geben an, dass Ärzte gelegentlich oder sogar häufig therapeutisch überflüssige Leistungen erbringen.

Sinnlose Verschreibungen

Obwohl die Bevölkerungszahl (Versicherte) sich in den letzten zwanzig Jahren mit rund sechs Prozent nur wenig entwickelt hat, stieg nach einer Mitteilung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung die Zahl der niedergelassenen Ärzte um das Zehnfache auf 65 Prozent. Die Zahl der Fälle je Arzt ist seither jedoch konstant geblieben. Hartmut Recke vom Berufsverband Deutscher Laborärzte schätzt die jährliche Verschwendung allein durch falsche und überflüssige Labortests auf 250 Millionen Euro. Mit der Zahl der Ärzte ist, so berichtet der Deutsche Apothekerverband (ABDA), gleichzeitig auch die Zahl der Apotheken in Deutschland kontinuierlich angestiegen - innerhalb von vier Jahren um rund 4,4 Prozent. Dies hat jedoch nicht zu Umsatzrückgängen geführt, sondern im Gegenteil: Der Umsatz je Apotheke ist in diesem Zeitraum um 23,1 Prozent angestiegen. Für die Gesetzliche Krankenversicherung bedeutet dieser Anstieg eine zusätzliche Finanzbelastung von mehr als 15 Prozent.

Im Bereich der fast 130 000 niedergelassenen Ärzte führen nach einer Mitteilung der Staatsanwaltschaft Kiel die Überkapazitäten zu einem regelrechten Abrechnungskrieg. Im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen - im Zusammenhang mit der explosionsartigen Leistungsmengenentwicklung - wurden reihenweise Abrechnungsbetrügereien aufgedeckt. Niedergelassene Ärzte rechneten zum Beispiel Leistungen ab, für die sie mehr als 30 Stunden am Tag hätten arbeiten müssen. Aus den Abrechnungen ging hervor, dass manche Ärzte sogar Säuglinge über Sexualität, Drogenkonsum und Verhütungsmittel im Rahmen der "Lebensberatung" aufgeklärt haben wollten.

Skandalöse Qualitätsmängel in der Arzneimitteltherapie verursachen nach Meinung von Prof. Dr. Manfred Wehling, Leiter des Instituts für Klinische Pharmakologie Mannheim, "eine extreme Schieflage": Bluthochdruck-Behandlungen seien nach umfassenden Studien nur bei sechs Prozent der Patienten "leitliniengerecht realisiert" worden, Cholesterin-Behandlungen bei Herz-Kreislauf-Krankheiten gar nur bei vier Prozent. Der Hauptgrund für diese Tragödie: Mehr als die Hälfte der deutschen Ärzte kann nicht fachgerecht mit Arzneimitteln umgehen. Der bekannte Internist und Klinische Pharmakologe Prof. Dr. Jürgen C. Frölich an der Medizinischen Hochschule Hannover sagt in diesem Zusammenhang: "Ein erheblicher Teil der Ärzte weiß nicht, wie viel Wirkstoff sie einem individuellen Patienten verschreiben dürfen und wie viel ihn womöglich umbringen wird." Frölichs Institut hat diese erschreckende Erkenntnis an 168 Ärzten in deutschen Krankenhäusern gewonnen. Diese Ärzte arbeiteten im Durchschnitt seit drei Jahren an ihren Kliniken, "waren also keine Neulinge". Professor Frölich, der 1994 zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen den Arzneimittelinformationsdienst AID einrichtete, fragte nach den richtigen Dosierungen der 17 meisteingesetzten Medikamente - "bei einem geradezu irreal einfachen Kranken: ungestörte Leber- und Nierenfunktion, Normalgewicht, mittleres Alter, keine Begleiterkrankungen". Das Ergebnis: 46 Prozent der befragten Ärzte machten korrekte Angaben zur Dosierung. 15 Prozent der Angaben hätten deutliche Unterdosierungen bedeutet, "so dass kein Behandlungserfolg zu erwarten gewesen wäre". Sieben Prozent der Antworten waren Überdosierungen - "und zwar heftige". 32 Prozent aller befragten Mediziner hatten es vorgezogen, zum Thema Dosierung überhaupt keine Antwort zu geben …

 





 

Kein Wunder, dass auch die Zahl der durch Arzneimittel geschädigten Patienten ohne direkte Todesfolge ungeheuer groß ist. So kam Professor Wehling an seinem Mannheimer Institut zu einem nicht weniger skandalösen Resultat: Mehr als zwei Millionen ältere Menschen über 60 Jahre müssen jährlich nur deshalb in Kliniken eingewiesen werden, weil sie von niedergelassenen Ärzten unsachgemäß mit Medikamenten behandelt werden.

Seit langem gilt Deutschland im internationalen Vergleich als das Arzneimittel-Tollhaus Europas. Schon heute zählt hier zu Lande die unüberschaubare Fülle der Zäpfchen und Pillen, Tropfen und Salben - insgesamt soll es zwischen 50 000 und 60 000 verschiedene medikamentöse Darreichungsformen geben - zu den wichtigsten Todesursachen. Würden auf den Gräbern aller Arzneimittelopfer Kerzen brennen, wären unsere Friedhöfe des Nachts erleuchtet wie sonst nur zur Adventszeit. Der frühere Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer bezeichnete es bereits in den neunziger Jahren als "schwachsinnig, risikoarme Arzneimittel durch risikoreiche und billige durch teurere zu ersetzen".

Das "abwartende Offenlassen" von Diagnosen von Hausärzten und Internisten sowie der Einsatz "angemessen wirksamer" Medikamente dürfte künftig die einzige Möglichkeit sein, vor allem Patienten mit Bagatellerkrankungen - das sind mehr als 80 Prozent aller Behandlungsfälle im Bereich der niedergelassenen Ärzte - vor Schäden zu bewahren. Der Münchner Arzt Dr. med. Klaus-Eberhard Haase, ehemals leitender Manager in der pharmazeutischen Industrie und Mitglied der Transparenzkommission beim Bundesgesundheitsamt, hat in einer viel beachteten Abhandlung über "Positiv-Liste: Risiken und Gefahren für Patient und Arzt" schon vor Jahren auf diesen Zusammenhang aufmerksam gemacht: "Je ernsthafter die Erkrankung, desto wirksamer muss das Arzneimittel sein, auch unter Inkaufnahme von Risiken - und umgekehrt! Eine Nutzen-Risiko-Abwägung als Voraussetzung für die Verordnung eines angemessen wirksamen Arzneimittels ist allerdings nur beim jeweiligen Patienten durch den behandelnden Arzt, nicht pauschal durch bewertende Listen (z. B. Positiv-Liste!) möglich. Er muss deshalb schwächer wirksame (nicht unwirksame!), aber gut verträgliche Arzneimittel ebenso ungehindert verordnen können wie stärker wirksame und nicht so gut verträgliche."

Gesundheit rechnet sich nicht

Die internationalen Pharma-Konzerne sind jedoch stattdessen zu einem globalen Arzneimittel-Wettrüsten angetreten. Das hat inzwischen dazu geführt, dass heute bei fast 20 Prozent der Todesfälle in einem Krankenhaus die unerwünschten Nebenwirkungen von Medikamenten und ihre fehlerhafte Anwendung infolge falscher Diagnosen die Hauptrolle spielen. Vor allem die aktuellsten, in US-Laboratorien entwickelten Medikamenten-Innovationen können nicht nur zehntausende Todesfälle verursachen, sie können auch hunderttausende Todesfälle mitverursachen; ganz zu schweigen vom Schicksal jenes Patientenheeres, das auf Grund der heute üblich gewordenen Übermedikalisierung viele kranke Menschen für den Rest ihres Lebens zu Krüppeln stempelt.

Unterdessen werden durch millionenschwere Aufklärungskampagnen alle möglichen Allerweltsleiden zu bedrohlichen Krankheiten aufgebauscht oder - schlimmer noch - Massenkrankheiten völlig neu erfunden. Handel treiben mit Krankheiten ("Disease Mongering") bezeichnen Kritiker dieses makabre Spiel mit der Angst der Bürger, das nicht nur zum festen Bestandteil von Marketingstrategen der Pharma-Multis zu werden droht, sondern sich offensichtlich auch für das ständig wachsende Heer der Ärzteschaft auszahlt. Denn "der Wettbewerb zwingt zur Erschließung neuer Märkte", so das Thema einer Titelgeschichte, die im September vorigen Jahres im Deutschen Ärzteblatt erschien. Dort heißt es weiter: "Das Ziel muss die Umwandlung aller Gesunden in Kranke sein …"
Die Urologen sprangen als Erste auf den Zug in eine verheißungsvolle Zukunft. Der "Männer Leibärzte" wollen sie werden, "unverzichtbare Begleiter für ein ganzes Männerleben". Der Bundesverband Deutscher Urologen etablierte flugs einen "Innovationsausschuss", um künftig auf der "Erfolgswelle" mitzuschwimmen. Bei so viel Zukunftsbegeisterung wollen die Frauenärzte natürlich nicht abseits stehen. Sie waren ja schon in der Vergangenheit nicht ohne Kreativität und Fantasie. Von präventiven Brustamputationen bis zu vorsorglichen Gebärmutterentfernungen haben sie in den letzten Jahren ihre Patientinnen stets mit einer erstaunlich großen Angebotspalette überrascht. "Häufig macht man sogar Hysterektomien, um die Frauen von ihrer menstruellen Migräne zu befreien", wundert sich die Ärztin Dr. A. Gendolla von der Neurologischen Universitätsklinik Essen. "Die haben natürlich überhaupt keinen Einfluss. Die absurdesten Dinge, von denen ich gehört habe, waren Brustreduktionen wegen Migräne." Dass die Pfründe der Gynäkologen nicht austrocknen, dafür wollen künftig auch die Pharma-Hersteller sorgen. Mit "Viagra für Frauen" werden jetzt Arzneimittel-Unternehmen die Normierung des Geschlechtsaktes vorantreiben - wer nicht mitmacht, wird als krank erklärt.

43 Prozent aller US-Amerikanerinnen über 18 Jahre sollen an einer "sexuellen Funktionsstörung" leiden, weil sie angeblich keine Lust oder Orgasmusschwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr haben. Alle diese Frauen seien behandlungsbedürftig. Nur ganz vereinzelt gibt es hier zu Lande kritische Stimmen: "Jeder zweiten Frau eine Sexualstörung anzudichten, ist eine üble Tour", meint Klaus Diedrich, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

Angst bringt Profit

An einer Fülle anderer Beispiele für Disease Mongering mangelt es nicht: Schlafstörungen, Essstörungen, Angst, Aufmerksamkeitsstörungen bei Kindern, aber auch unerwünschte Kinderlosigkeit oder Schönheitsmängel, Erektionsstörungen, Sodbrennen, Existenzangst, Vergesslichkeit, Fußpilze, Glatzenbildung, Depressionen oder das so genannte Reizdarmsyndrom werden durch konzertierte Aktionen vom großen Bruder Pharma und seinen medizinischen Handlangern in den Stand gefährlicher und behandlungsbedürftiger Krankheiten erhoben - besonders dann, wenn auch die passenden Medikamente zur Verfügung stehen. Die Pharma-Industrie macht die Angst der Menschen zum Programm; ihre subtilen "Aufklärungskampagnen", die subjektiv Krankheit heilen wollen, in Wirklichkeit aber der Bevölkerung nachhaltig die Gesundheit austreiben, wirken sich, wie der Hamburger Psychiater Prof. Dr. Klaus Dörner es formuliert, "umso destruktiver aus, je mehr sie der Vermarktung und dem Wettbewerb überlassen werden". Diese Prinzipien seien in der übrigen Wirtschaft segensreich, im Gesundheitswesen jedoch "tödlich".

Nach Prof. Dr. Peter Schönhöfer, Pharmakologe und seit vielen Jahren Mitherausgeber des unabhängigen Arznei-Telegramms in Berlin, steht zweifelsfrei fest: "Das allgemeine Handlungsprinzip im deutschen Gesundheitswesen ist Betrug." Mit einer im medizinischen Fachschrifttum seltenen Deutlichkeit hat sich auch die altehrwürdige Münchner Medizinische Wochenschrift in die gesundheitspolitische Diskussion eingemischt. Unter der Überschrift "Weiße Kittel und schmutzige Hände" nahm das angesehene Ärzteblatt den Medizinbetrieb als "Unrechtssystem" ins Visier und zitierte den Leiter der Sonderkommission "Abrechnungsbetrug" beim Bundeskriminalamt, Raimund Schmidt, mit einer vernichtenden Feststellung: "Die kriminellen Strukturen im Gesundheitswesen sind nur noch vergleichbar mit der ‚organisierten Kriminalität'."
Damit der deutsche Medizinbetrieb nicht unter dem Primat der Ökonomie verkommt, fordert auch Professor Dr. med. Jürgen C. Frölich vom Institut für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Hochschule Hannover auf einem Gesundheitsforum in München radikale Konsequenzen. Angesichts der von ihm geschätzten 30 000 Arzneimitteltoten pro Jahr sei nun vor allem die Politik zu raschem Handeln aufgefordert; denn die durch diese Todesfälle verursachten Folgekosten allein beziffert Frölich auf mehr als 30 Milliarden Euro pro Jahr. Noch bizarrer sind die Untersuchungsergebnisse seines Kollegen Wehling, der jüngst in dem angesehenen Fachjournal Deutsche Medizinische Wochenschrift die Vermutung anstellte, dass von den 500 000 Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wahrscheinlich 100 000 verhindert werden könnten, wenn die Patienten nicht die falschen Arzneimittel bekämen.

Ulla Schmidt und Horst Seehofer haben mit ihren derzeitigen Reformbemühungen fast nichts gegen die gigantische Verschwendung im Gesundheitswesen getan, vor allem die vordemokratischen Systemstrukturen unangetastet gelassen. Nicht der medizinische Fortschritt lässt das marode System aus dem Ruder laufen, vielmehr sind es die weltweit einmaligen Verhältnisse des deutschen Medizinbetriebs als Anbietermarkt. Kliniken und Ärzte, Apotheker, Krankenkassen und Arzneimittelhersteller beeinflussen das Preisgefüge viel nachhaltiger. als es Patienten je könnten. Für die so oft zitierte "Anspruchsinflation" der Bürger konnten empirische Belege bis heute nicht beigebracht werden.

Zweifelsfrei belegt ist dagegen die Erkenntnis, dass Ärzte die Leistungen in Praxis, Klinik und vielen anderen Gesundheitseinrichtungen festlegen, die Produzenten pharmazeutischer und medizinischer Gerätschaften den Preis bestimmen, gesetzliche Krankenkassen ohne Kontrolle Rechnungen bezahlen - von den Beiträgen, die den 72 Millionen Versicherten monatlich zwangsenteignet werden.

Eigenverantwortung der Bürger ist gut, Transparenz und hinreichende Aufklärung ebenfalls. Doch als Kontrollinstanz, als reformerischer Machtfaktor, der gewissermaßen vom Feldherrnhügel die Richtung vorgibt, ist der Kranke maßlos überfordert. Die Patienten stehen im undurchdringlichen Labyrinth des Gesundheitssystems auf verlorenem Posten. Deshalb sollte die Bundesregierung endlich die Selbstverwaltungsorgane und ihre Leistungserbringer zwingen, zumindest eklatante Versäumnisse und Mängel bei der medizinischen Versorgung zu beseitigen, die Strukturen durchsichtig zu machen, und damit ansatzweise Kundensouveränität im chaotischen Gesundheitsmarkt sicherstellen.



über den Autor:
» Kurt G. Blüchel, Jahrgang 1934, ist seit fast vier Jahrzehnten ein Kenner des Medizinbetriebs. Mehr als 20 Jahre war er als Medizinjournalist in der pharmazeutischen Industrie, in Ärzteverbänden und anderen Bereichen des Gesundheitswesens tätig. Er hat zahlreiche populärwissenschaftliche Sachbücher publiziert sowie mehrere gesellschaftskritische Bestseller verfasst, u. a. "Die weißen Magier", "Das Medizin-Syndikat". Sein jüngstes Buch "Heilen verboten - töten erlaubt" ist im C. Bertelsmann Verlag, München, erschienen.


Wir bedanken uns bei Kurt G. Blüchel für die Erlaubniss, diesen Artikel bei 0815-Info veröffentlichen zu dürfen.
Der Original-Artikel aus der Frankfurter Rundschau konnte, bis zu ihrer Pleite, » hier abgerufen werden.