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Die SZ-Redaktion will keinen Abschied vom Nazi-Erbe feiern sehen. Und wie sieht es in den politischen Führungszirkeln aus? Beim höchsten Feiertag in Moskau zum Gedenken des Sieges über Nazi-Deutschland am 9.Mai 1945 war jedenfalls die Bundesregierung nicht mit ihrem Außenminister oder der Bundeskanzlerin vertreten.

 


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...kein offizieller Gedenktag, aber Terror bleibt ein Verbrechen, egal ob als Nazi- oder als US-IS-Terror
von Luz María De Stéfano Zuloaga de Lenkait

Ist dieser Sieg noch ein Dorn im Auge für die dritte Generation der Deutschen, die scheinbar immer noch nicht anerkennen will, wie außerordentlich verirrt und tief gesunken sich ihre Großväter bis zur letzten Stunde des „Großdeutschen Reichs“ verhalten haben?

Hochmut vergiftet immer weiter den Ungeist dieser dritten Generation an der Macht und an medialen Stellen, ein Hochmut, der stets verhindert, von der Vergangenheit zu lernen und aus der Geschichte die richtige Lehre zu ziehen. Die Siegesparade auf dem Roten Platz ist viel mehr als ein jährlich wiederkehrendes schönes Spektakel:

Der 8. Mai 1945 markiert das Ende der faschistischen Diktatur in Deutschland und die Befreiung Europas für Millionen von KZ-Hälftlingen, Zwangsarbeiter, Widerstandskämpfer, … und aktive Antifaschisten in Deutschland und Europa.... wir verdanken unsere Freiheit nach dem Zweiten Weltkrieg elf Millionen Soldaten der Roten Armee, die für die Freiheit ihrer Mitbürger starben. Mehr als 13 Millionen sowjetische Zivilpersonen … wurden im Auftrage deutscher Faschisten getötet oder starben unter der unmittelbaren Kriegseinwirkungen. …Die deutschen Faschisten hinterließen eine Spur der verbrannten Erde … Die Bedrohung durch die Mordbanden des Faschismus führte Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen und Menschen unterschedlicher politischer Orientierung zusammen. An der Seite der Streitkräfte der Anti-Hitler-Koalition kämpften in allen okkupierten Gebieten Partisanen und Widerstandskämpfer für die Freiheit ihrer Länder. Deutsche Antifaschisten reihten sich in die Armeen der Anti-Hitler-Koalition und in die Partisanen- und Widerstandsgruppen ein. Die Hauptlast des Krieges trug die Rote Armee. ... Für die verantwortlichen Politiker in der alten BRD, die sich zu einem großen Teil aus Personen rekrutieren, die den Faschisten gedient hatten, blieb der 8. Mai eher ein unbequemes Datum. Es gab keinen offiziellen Gedenktag. ...(stattdessen) entstehen Gedanken zur Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs. Schon Bertolt Brecht warnte mit den Worten „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

Es ist unsere Aufgabe, unsere Mitmenschen, insbesondere die junge Generation, ständig daran zu erinnern, dass erst mit der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland das Morden beendet wurde. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Untaten niemals in Vergessenheit geraten. (Aus der Erklärung des „Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde“ in »Abgeschrieben“, Junge Welt, 6.5.).

Wer ein Minimum an Anstand und Bildung besitzt, weiß, was Deutsche den Russen zu danken haben und wird sie dafür würdigen und nicht schmähen.

Im Gegensatz zur westdeutschen Bundesrepublik, was die Auseinandersetzung und die Abrechnung mit dem Faschismus und seine Protagonisten betrifft, haben die DDR-Eliten eine reine politische Weste. Dagegen begannen westdeutsche Führungskräfte erst in den 60iger/68iger Jahren damit, sich mit der Nazivergangenheit ernsthaft auseinanderzusetzen. Das haben sie wohl auch vergessen, wie deutsche Medien zeigen. Ebenso vergisst man, dass die offizielle westdeutsche Bundesrepublik noch fünfzig Jahre nach dem Krieg von der sauberen, anständigen Wehrmacht schwadronierte. Im anderen Deutschland, der DDR, gehörte der Begriff der Befreiung seit ihrer Gründung zur Staatsräson. Dort stand die Befreiung in den Schulbüchern, und das seit Jahrzehnten. Dagegen taucht der Begriff Befreiung bis heute nicht in den gebräuchlichen deutschen Schulgeschichtsbüchern auf. Im Westen war es allerdings unter fortschrittlichen Denkern und Politikern ganz selbstverständlich von der Befreiung vom Faschismus zu sprechen und zu schreiben.

Warum bleibt dieses wichtige Handicap in der Süddeutschen Zeitung und in anderen Medien ausgeblendet? Es ist überfällig, mit den verbrecherischen Vorfahren endlich zu brechen. Die heutige deutsche dritte Generation leidet ihretwegen an einem großen Trauma, das sie daran hindert, sich mit der grausamen hässlichen Wirklichkeit zu konfrontieren. Sich aus einem Trauma zu befreien, ist Sache der Betroffenen. Sie müssen selbst den richtigen Weg daraus finden. Aber die Erkenntnis der kriminellen Wirklichkeit ist unentbehrlich. Ein Verbrechen ist nicht zu vertuschen und der Verbrecher nicht zu entschuldigen oder zu verharmlosen.

Nicht nur hat man im Westen erst sehr spät damit begonnen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sondern auch ist man bis heute nicht in der Lage, eine durch und durch antifaschistisch bestimmte Politik zu betreiben. Mord und Terror sind noch immer Teil der deutschen Aussenpolitik, ein Blick auf Saudi-Arabien, Israel und Syrien reicht.

Die neudeutschen Begriffe sind eigentlich die Alten. Faschismus heißt grundsätzlich Nationalsozialismus – ein Begriff, den die Nazis kreierten, … Kein Brite, kein Amerikaner spricht, wenn er die Nazis meint, von „Nationalsozialismus“. … Faschismus ist die international gebräuchliche, weil zutreffende Charakterisierung. … Irgendwann wird man auch begreifen, dass der deutsche Faschismus nicht mit Hitler verschwand, ebenso wie der deutsche Imperialismus nicht mit dem Kaiser abgetreten ist. (»Der deutsche Imperialismus ist nicht abgetreten“, ein Gespräch mit Prof. Kurt Pätzold, Junge Welt, 3.5.)

Die westlichen Aggressionen in Irak, Libyen, Syrien belegen diese schändliche gegenwärtige Realität.

Es gibt viel aufzuarbeiten für deutsche Redaktionen und Journalisten wie Frank Nienhuysen, der schreibt

in Russland ist der Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland noch immer der höchste Feiertag“ (SZ, 10.5.),

ohne zu begreifen, dass historische Tage von dieser Tragweite immer in Europa, aber vor allem in Russland, dem Land der Befreier, der höchste Feiertag sein wird und in Deutschland, das Land der Befreiten, als Feiertag gewürdigt sein müsste. Der russische Präsident Wladimir Putin pries zu recht das sowjetische Volk, andere Völkern von dem Joch, von den Verbrechern des Faschismus befreit zu haben.

Während das offizielle Deutschland anlässlich des Tags der Befreiung von Nazi-Deutschland unwürdigerweise schwieg, wurde schon einige Tage zuvor am 6. Mai in der von heutigen Verbrechern befreiten Stadt Palmyra, dem UNESCO-Weltkulturerbe in Syrien, gefeiert, und zwar mit zwei »Kulturveranstaltungen aus Anlass des syrischen „Tages der Märtyrer“ – mit dem an die Hinrichtung von syrischen Freiheitskämpfern 1916 erinnert wird - sowie des russischen „Tages des Sieges“ am 9. Mai, an dem die Kapitulation Hitlerdeutschlands 1945 zustandekam. Zwei Konzerte fanden hier statt: Am 5.5. spielte das Orchester des St. Petersburger Mariinski-Theaters im Amphitheater des UNESCO-Weltkulturerbes, am 6.5. folgten das Syrische Nationale Symphonieorchester und andere Formationen.

Der aus Sotschi zugeschaltete russische Präsident Wladimir Putin würdigte die Veranstaltungen als „Zeichen des Dankes, der Erinnerung und der Hoffnung“, als Ehrung für alle, „die gegen Terrorismus kämpfen und ihr Leben opfern, egal wo und wann Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden.“ (»Massaker an Flüchtlingen“, Junge Welt, 7.5.).

Deutsche Journalisten und Politiker müssen erkennen, dass Terror ein Verbrechen ist und bleibt, ob er als Nazi-Terror oder als US-IS-Terror gekennzeichnet ist und dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit dem Strafrecht zu bestrafen sind, egal um welche Kriegsverbrecher es sich handelt, EU- oder US-Vertreter.

© Luz María De Stéfano Zuloaga de Lenkait

Quellenangaben:

Grafik: Quelle: Facebook © Unknown

  • Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 10.5.: „Abschied vom Sowjeterbe“ von Frank Nienhuysen

Foto: Tlaxcala*Luz María De Stéfano Zuloaga de Lenkait ist eine chilenische Rechtsanwältin und Diplomatin (a.D.). Studium der Rechtswissenschaften an der Katholischen Universität in Santiago de Chile mit Spezialisierung auf das Völkerrecht und Praxis im Strafrecht. Nach ihrer Arbeit im Außenministerium war sie Diplomatin in Washington D.C., Wien und Jerusalem und wurde unter der Militärdiktatur aus dem Auswärtigen Dienst entlassen.

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