Nachgelegt: Friedensengel mit Pferdefuß

aktuelle News

Der Dalai Lama sei "kein Friedensengel, sondern ein Agitator," schrieb ich in einem Artikel für die Zeitschrift Ossietzky, der seit dem 19. 03. auch auf 0815-Info zu lesen war. Schon einen Tag später, am 20. März, schien ich durch Fakt und Ereignis widerlegt zu sein: Der Dalai Lama erklärte, er sei bereit, zu einem Dialog über die "Tibetfrage" nach Peking zu reisen. Was wurde er darob in den westlichen, gleichgeschalteten Massenmedien gelobt!


von Volker Bräutigam*

Foto: NNZDie so aufdringlich nach Friedlichkeit und Verständigungsbereitschaft duftende Offerte des Obermönchs hatte allerdings einen deutlich sichtbaren Haken: Peking müsse ihm vorher ein befriedigendes Angebot über die tibetische Autonomie vorlegen, denn sonst habe seine Reise ja keinen Sinn. Der Dalai Lama setzte damit nicht nur das erwünschte Ergebnis von Verhandlungen an deren Beginn, er machte es gleich zu ihrer Voraussetzung.

Was „Tagesschau“ & Co. darüber hinaus nicht berichteten: Der Dalai Lama beansprucht die Hoheit über ein autonomes Tibet, das viel größer ist als die auf der Landkarte so gekennzeichnete Provinz. Er definiert Tibet als Kulturraum. Und dieser Kulturraum reicht, wie ich schon schrieb, weit in die chinesische Nachbarschaft hinein. Dort leben zwar ebenfalls tibetische Bevölkerungsgruppen, jedoch meist, wie in Sichuan, lediglich als ethnische Minderheit.

Der Dalai Lama erhebt demnach nicht nur einen persönlichen Herrschaftsanspruch über ein noch herzustellendes, weitgehend autonomes Tibet. Sondern er stellt zugleich weiterreichende Gebietsansprüche über Teile benachbarter chinesischer Provinzen. Das nenne ich aggressive Politik, meilenweit entfernt von Friedens- und Versöhnungsbereitschaft und von auf Ausgleich bedachter Rationalität.

In einigen dieser Nachbar-Provinzen (z.B. Gansu) haben Tibeter jetzt ebenfalls gewaltsame Proteste gegen die chinesische Mehrheit und gegen die chinesische Verwaltung angeschoben. Peking hat die Randale gewaltsam niedergeschlagen, vielleicht aber auch nur vorübergehend. Es gab neue Tote und Verletzte sowohl unter Tibetern als auch unter Chinesen.



So furchtbar und bestürzend die Ereignisse auch sind, so wenig sind derart gewaltsame Krawalle ein völkerrechtlich anzuerkennender Grund, internationale Untersuchungen zu fordern und von Peking zu verlangen, solche Einmischungen in seine inneren Angelegenheiten und ausländische Kontrollen auf seinem Staatsgebiet zuzulassen. Die Spanier würden das im Baskenland nicht erlauben, die Franzosen nicht auf Korsika, die USA nicht bei Rassenkrawallen oder in Guatanamo, die Türkei nicht in Kurdistan, Russland nicht in Tschetschenien, Großbritannien nicht in Nordirland und auf Gibraltar, usw.usw. Ob Peking sonderlich geschickt handelt, auch ausländische Journalisten nicht mehr ins Unruhegebiet zu lassen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Der Dalai Lama aber nahm die Vorfälle scheinheilig zum Anlass, "die Welt um Hilfe für Tibet" zu bitten. Solche öffentlichen Apelle sind, wie wir wissen, keine friedensbemühte (also stille) Diplomatie, sondern werden als Billigung, wenn nicht gar als Aufruf zu fortgesetzter Gewalt verstanden. Zugleich dienen sie in der internationalen Debatte als Totschlagargument.

Gäbe Peking den politischen Forderungen des "Gottkönigs" nach, so käme es zu einer humanitären Katastrophe. Es entstünde ein asiatischer Flächenbrand. Dann erklärte sich nicht nur Taiwan sofort als eigener Staat, sondern sämtliche halbwegs wohlhabenden chinesischen Provinzen würden ein Gleiches versuchen. Die VR China, ein Staat mit mehr als 50 (!) verschiedenen Sprachen, mit 1,4 Milliarden Menschen, würde in zahlreiche Trümmer zerplatzen. Es begänne ein Kampf jeder gegen jeden, es gäbe Bürgerkriege mit Millionen Toten.

Dass sich die VR China, der aufstrebende Konkurrent um globale wirtschaftliche Vormacht, auf diese Weise selbst vernichten würde, könnte die einem solchen Szenario zugrunde liegende Zielsetzung Washingtons und seiner Berliner Vasallen sein. Der Verdacht ist begründbar: Sie haben das im Kleinformat  ja schon einmal bis zum bitteren Ende (einige tausend Tote) durchexerziert. Mit Jugoslawien.

 Wir sehen also, welche aggressiv-undiplomatische, saudumme, böse Dreistigkeit unser Trampel aus der Uckermark, unsere unsägliche Kanzlerin Änschiii, mit ihrer Unterstützung für den Ober-Tibeter, mit dessen politischer Aufwertung, Einladung ins Kanzleramt und mit der wiederholten  „Aufforderung“ an Peking begeht, einen „Dialog mit dem Dalai Lama“ aufzunehmen.

© Volker Bräutigam 

* Volker Bräutigam schreibt regelmäßig für die Politikzeitschrift Ossietzky

Nachgelegt: Friedensengel mit Pferdefuß

Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.



0815 Werbung

Diesen Artikel bei Webnews voten:

Artikel Bewertung

Ergebnis: 4
Stimmen: 6

stars-4.gif

Bitte nehmen Sie sich die Zeit und bewerten diesen Artikel:
Excellent
Sehr gut
Gut
Okay
Schlecht


Die Wahrheit:

Freie Medien sind wichtig!
Bitte helfen Sie uns!

0815 Werbung:



0815 Debatte:

Thema: Terrorismus
Der Geist des Terrorismus

Ökonomische Zusammenhänge der US-Politik und die Rolle des Mainstream beim Great Game: 9-11


Thema: R.A.F.
Danke für die Kugel

Wie eine Gesellschaft ihre eigenen Kinder in die Kriminalität treibt und bis heute nichts daraus gelernt hat

0815-Info Counter:

Besucher gesamt: 481.630
Besucher heute: 90
Besucher gestern: 315
Max. Besucher pro Tag: 6.271
gerade online: 9
max. online: 751
Seitenaufrufe gesamt: 3.475.557
Seitenaufrufe diese Seite: 153

0815 Page & Rank: