Niemand will Ärger mit China?
Matthias Nass kommentiert in der Zeit die derzeitigen
Krawalle in Tibet und meint: „Aber wenn die Regierung auf Mönche schießen
lässt, dann ist ein Olympiaboykott unausweichlich.“[1]Anmerkungen zu einem
Kommentar in der „Zeit“
von Tilo Schönberg
Ich kann mich noch sehr gut an die Torpedierung der Olympischen
Spiele in Moskau und Los Angeles erinnern. 8 Jahre, in denen man Sportlern aus
Ost und West das gegenseitige Kräftemessen im sportlichen Wettstreit verbot –
aus rein politischen Machtspielchen heraus.
8 Jahre sind für eine Sportlerkarriere eine immens lange
Zeit. Manch einem wurde so überhaupt die Chance genommen, jemals an Olympischen
Spielen teilzunehmen. Und jetzt sind es wieder Politiker und ihre bezahlten
Schreiberlinge aus dem neoliberalen Mainstream, die vorpreschen und glatt
behaupten, sie wollen alle keinen Boykott der Olympischen Spiele in Peking,
aber wenn – dann …
Olympische Spiele dienten eigentlich mal dem friedlichen
Wettstreit der Völker untereinander und damit in allererster Linie der
Völkerverständigung. Wer also einen Boykott der Spiele in Peking will, will eine
Unterbrechung der bilateralen Beziehungen zu China. Warum? Wegen Tibet? Nie und
nimmer!
Seit den fünfziger Jahren ist es immer wieder der Wühlarbeit
der CIA zu verdanken, dass es in Tibet überhaupt gärt. Der Dalai Lama, dessen
eigentlicher Name Tenzin Gyatso und/oder Lhamo Dhondrup lautet, hatte zwei Brüder, Thubten Jigme Norbu und Gyalpo Thoendup,
die in dieser Zeit den Kontakt zur CIA suchten und fanden (schließlich ging es
gegen Kommunisten!). Etwa 1957 wurden die ersten Tibeter von den USA in Guerilla-Taktiken
ausgebildet (Insel Saipan) und unterstützt, was in den Folgemonaten zu Unruhen
in Tibet führte, in dessen Folge der Dalai Lama das Land verlassen musste und
1959 nach Indien floh.
Jetzt begannen die USA, ihr „Tibet-Programm“ erheblich
auszuweiten. Auf Saipan, Guam sowie in Camp Hale[2](USA), wurden zeitweise bis
zu 2.500 Tibeter gedrillt, weit über 10.000 in, an Tibet angrenzenden,
Nachbarstaaten. Dies führte in der Folge dazu, dass große Gebiete Tibets Chinas
Kontrolle entrissen wurden. Die Zahl der Aufständler wuchs in dieser Zeit auf
nahezu 100.000 Kämpfer an.
Aber die USA sind, wie uns die Geschichte lehrt, sehr
launische Partner, die schnell auch mal die Seite wechseln, je nachdem wie es
gerade ihren politischen Interessen entspricht. So auch im Fall von Tibets Rebellen,
die sie im Stich ließen, als Nixon ab Mitte der 1960er seine Beziehungen zu
China verbessern wollte. Damit brach der Aufstand in Tibet zusammen.
Wir haben es in Tibet also nicht mit einem „Volksaufstand“
zu tun, sondern mit einer von den USA unterstützten Polit-Clique. Dabei sehen
wir immer wieder die gleichen Bilder: „Rebellen“ werden von den USA, zumeist im
Ausland, ausgebildet und zur Provokation von „Volksaufständen“ ausgebildet und
dann gegen die bestehende Ordnung von der Kette gelassen. Dieses Muster kann
man gut Nachverfolgen, etwa bei den Volksmudschaheddin und Taliban in
Afghanistan, bei der „Rosenrevolution“ in Georgien, aber auch im Irak und in
Lateinamerika. Und allein dieser Fakt stellt die Titelzeile des Kommentars in
der Zeit „Niemand will Ärger mit China“[1] als bloße Lüge dar.
Aktuell tönt es gerade wieder aus den USA: »Es ist unser
Karma, dem Volk Tibets zu helfen«. Notfalls wohl auch gegen den Willen des
Dalai Lama, den die New York Times unkt schon im vorauseilenden Gehorsam, der
Dalai Lama verliere innerhalb seiner Anhängerschaft zunehmend an Einfluß, weil
er nur die Autonomie und nicht die Unabhängigkeit Tibets fordere[3].
Aber zurück zu diesem Zeit-Kommentar. Nass schreibt: „ … Dem
Regime ist wahrlich genug vorzuwerfen. Die massenhafte Verhängung der
Todesstrafe. Die Diskriminierung der Minderheiten – nicht nur der Tibeter,
sondern auch der muslimischen Uiguren …“ ah—ja.
Dann suchen wir mal im Internet nach muslimischen Uiguren
und landen unwillkürlich bei Human Reights Watch: „Die Heimat der Uiguren ist
die ölreiche, autonome Region
Xinjiang Uigur im Nordwesten Chinas. Circa 8 Millionen Menschen gehören dieser
türkisch-sprachigen Volksgruppe an. Doch angesichts der Ansiedelung von mehr
als 1,2 Millionen Chinesen in den vergangenen zehn Jahren fürchten die Uiguren
zusehends um ihre traditionelle Lebensweise. Viele Uiguren möchten größere Autonomie und manche wollen einen unabhängigen Staat. Aber derzeit gibt es wenig
Anzeichen für eine gewalttätige Rebellion[4].“
Wie im Artikel weiter oben schon festgestellt, kann man solche
„Rebellionen“ auch herbeiführen und da die Region ölreich ist, wird die
Unterstützung Seitens der USA für „manche“ die „einen unabhängigen Staat“
wollen wohl bald einsetzen, sollte das mit Tibet nicht zum gewünschten Ergebnis
führen. Die Unterdrückung der Uiguren aber sieht in China wohl doch etwas
anders aus[5]. Peking versucht mit großer Anstrengung, die sozialen Rahmenbedingungen
der Minderheiten zu verbessern und wendet dafür massiv staatliche Mittel auf,
ohne die diese Minderheiten längst verelendet wären: Sie leben schließlich in
einer Welt mit einerseits explodierender Bevölkerung und andererseits zunehmender
Knappheit an Ressourcen.
Früher sind in China jährlich bis zu 15 Millionen(!)
Menschen verhungert bzw. bei Naturkatastrophen ums Leben gekommen, ehe die
"Roten" an die Macht kamen. Man kann heute dem Staat mit Recht seine
gewaltsamen Mittel vorwerfen, mit denen er die Staatsräson wahrt. Was aber wäre
die Alternative? Und bevor man sich ein Urteil über ein Milliarden-Volk und
seine Regierungsform macht, sollte man auch seine Kulturgeschichte kennen: In
China etliche tausend Jahre Konfuzianismus, ein Weltbild, in dem der Einzelne
nichts, die Gesamtheit aber alles gilt (Himmlisches Mandat, Gehorsam gegenüber
der Obrigkeit und den Älteren, Verehrung der Ahnen, Unterordnung der Jungen) im
Unterschied zum Westen, in der erst einmal die individuelle Freiheit vorne
steht, inklusive aller Formen des Egoismus und auch der Freiheit, keine Arbeit
zu haben und zu verrecken!


Umwelt: China
rüstet – Umwelt-technisch - gerade in den letzten Jahren enorm auf!
Natürlich
hat das Land Nachholbedarf. Aber steht es uns an China zu kritisieren, nachdem
die westlichen Industriestaaten unseren Globus bereits über 150 Jahre Industriegeschichte
hinweg irreparabel verwüstet haben und nun seit ein paar Jährchen plötzlich ein
paar grüne Alibis für sich selbst und die unverschämtesten Ansprüche an alle
anderen Staaten entwickeln?
Korruption: Gibt
es nur in China – nicht bei uns!
Die Schmiergelder von Siemens sind
wahrscheinlich eine chinesische Erfindung. Die Liechtensteiner Steueraffären,
die nur die Spitze eines gigantischen Eisbergs darstellen, sind doch wohl das
sichtbarste Zeichen, wie korrupt unsere eigene Gesellschaft ist, in der jeder,
auf Teufel komm raus, zusammenrafft, was er irgendwie in die Finger – und am
Fiskus vorbei – kriegen kann.
Taiwan: Taiwan
ist bedroht?
Taiwan ist Atommacht und von den USA hochmodern gerüstet,
allemal mit so vielen Raketen ausgestattet, dass es für einen Angriff vom
Festland her einfach nicht infrage kommt. Hierzulande kommt ja kaum einem Menschen auch
nur annähernd der Gedanke, dass sich Peking von Taiwan bedroht fühlen könnte,
von der US-Flugzeugträgerflotte mit Atomwaffen, die ständig zwischen Japan und
Taiwan unterwegs ist (Kitty Hawk und 27 Begleitschiffe, incl. Atom-U-Boote)
sowie der von den USA gesteuerten Taiwan-Armee (Taiwan hat eine supermoderne
Luftwaffe und mit 600 000 Mann unter Waffen eine der größten und
schlagkräftigsten Armeen in Südostasien) - es ist halt alles nur eine Frage der
Informiertheit und der Brille, die man sich aufsetzt, bevor man eine Lagebeurteilung
macht und abgibt.
Taiwan hat sich von den USA zum Hauptstandort des seit 9
Jahren geplanten und in der Konstruktion befindlichen, weltraumgestützten
Raketenschirms im Pazifik machen lassen. Das Ding heißt TMDS (Teatre Missile
Defense System), reicht von Hawaii über Japan, Südkorea, Taiwan,
Philippinen, Indonesien, nach Australien und Neuseeland. Es ist eindeutig gegen
die VR China gerichtet, eine "Abwehr", hinter der man sich sicher
genug zu fühlen meint, aggressive politische und militärische Ziele gegen
China verfolgen zu können. In Taiwan, knapp 120 km vor der chinesischen
Ostküste, sollen die Radaranlagen, die Satelliten-Kommunikation,
Infrarot-Steuerungen und ein Teil der Raketen stationiert werden, mit denen
China und Russland von Osten her eingekreist werden, so wie Russland mit den
Raketen in Polen von Westen her. Taiwan ist ein bis an die Zähne bewaffneter
Helot der imperialistischen US-Außenpolitik...
„Es macht also wenig Sinn, China an
den Pranger zu stellen.
Und doch! Der Aufruhr der Tibeter hat die Grenzen der
Autonomen Region Tibet bereits überschritten. Er hat die Klöster in den
tibetischen Regionen der Provinzen Gansu, Qinghai und Sichuan erfasst. Chinas
Regierung hat einen „unerbittlichen Krieg gegen extremistische Separatisten“
angekündigt. Wenn die Gewalt weiter eskaliert, wenn die Regierung das Militär
auf Mönche schießen lässt, dann erledigt sich die Frage nach dem Boykott von
allein. Denn dann hätte sich gezeigt, dass die Führung der KP aus dem
Tiananmen-Massaker von 1989 nichts gelernt hat.
Und dann wird es keine Olympischen Spiele geben, die Chinas Präsident am 8.
August eröffnen kann. Die Regierung in Peking hat es in der Hand.“[1]
Sinnigerweise ziert den Zeit-Kommentar auch noch ein Bildchen eines
chinesischen Panzers. Interessant ist das Banner, was seitlich am Panzer
befestigt ist und das hat 0815-Info für Herrn Nass mal übersetzen lassen: „Das Volk sorgt für seine Sicherheit“ – und genau darum geht es.
Noch mal zum mitschreiben: Die Gewalt in Tibet geht nicht von China aus! Die
chinesische Armee tut alles Mögliche zur Deeskalation! Und Peking besteht zu
Recht darauf, dass jegliche Einmischung von Außen zu unterbleiben hat.
Ein Boykott von Olympia ist die einfachste (und vor allem die billigste!) Methode, medienwirksam Druck auf China auszuüben. Das gefundene Fressen für die Neocons. Man behält selbst eine saubere Weste, kann sich im Hintergrund halten und die Schmutzarbeit den Esotherikern, sowie den zahllosen Bloggern im Internet und diversen Menschenrechtsorganisationen überlassen. Die wirtschaftlichen Risiken dieser Kampagne sind dabei überschau- und berechenbar.
Was aber wäre eigentlich, wenn China den Spies umdreht? Was wäre, würde Peking von sich aus diese Olympiade platzen lassen, diesen Super-Kommerzbetrieb mit Doping und ein wenig Sport am Rande. Die Welt wäre völlig alternativlos. Die bereits gebauten Sportstätten in Peking und Umgebung kann das Land ohnehin selbst gut gebrauchen, die dann überschüssige Kohle könnte in die soziale Entwicklung in Tibet und sonst wo gesteckt werden und der Westen stünde endlich mal ohne Hemd und Hose da, weil sich eine Regierung selbstbewusst verhält und nicht auf dieses „Olympische-Idee“-Gesäusel hereinfällt, das nur zur Destabilisierung des Gastgeberlandes missbraucht wird.
Quellen:- zeit.de
- photoswest.org
- jungewelt.de
- hrw.org
- isn.ch (PDF-Datei)









