ARD zensiert Putin-Interview
Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein[1]. Diesen Satz von Karl Marx sollte sich auch und vor allem die ARD als öffentlich-rechtliches Medium hinter die Ohren schreiben.
Manipulation durch Weglassen
von Tilo Schönberg

Erinnern wir uns kurz: Georgien überfiel in der Nacht vom 7. auf den 8. August die Hauptstadt Südossetiens mit Mehrfach-Raketenwerfen, also Waffen, die dafür da sind, großflächige Zerstörungen anzurichten. Damit hat Georgien bewusst die Tötung der (schlafenden) Zivilbevölkerung in Kauf genommen, wenn nicht gar beabsichtigt. Seitdem wird in der westlichen Presse mit Hilfe von PR-Agenturen verzweifelt versucht, Georgien als Verteidiger der Freiheit und Russland als Aggressor darzustellen[2].
Das „öffentlich-rechtliche“ Fernsehen macht dabei keine Ausnahme. In der Sendung „Maybrit Illner“ vom vergangenen Donnerstag durfte der Verantwortliche für den Tod von über 1.400 Zivilisten per Live-Schaltung dem deutschen Publikum seine Lügen von der russischen Invasion auftischen. Nur wenig später veröffentlicht die ARD auf ihrer Webseite ein Interview mit dem russischen Ministerpräsidenten Putin[3] - ohne den geringsten Hinweis darauf, dass dieses Interview nur in Teilen wiedergegeben wird. Im Gegenteil überschreibt die ARD dieses gekürzte Interview mit den Worten: „Neun Minuten Interview mit Wladimir Putin im Wortlaut“. Damit wird dieses Interview, das eigentlich 20 Minuten dauerte, nicht nur verfälscht dargestellt, nein, man sorgt so dafür, das deutliche Aussagen Putins die Bevölkerung nicht erreichen, weil sie nicht in das Bild passen, das die neoliberale Einheitspresse derzeit vom Kaukasus-Konflikt zeichnen möchte.

Beispiel gefällig:
Auf die Frage, warum er (Putin, A.d.R.) sein Land mit Gewalt in
diese Situation getrieben hätte, lässt die ARD Putin antworten: „Ich bin
überzeugt, dass das Ansehen eines jeden Landes, das im Stande ist, das Leben
und die Würde der Bürger zu verteidigen, eines Landes, das eine unabhängige
Außenpolitik betreiben kann, dass das Ansehen eines solchen Landes mittel- oder
langfristig steigen wird.“
Nochmal im Klartext. Die ARD will uns damit unterjubeln, das Putin den Einmarsch nach Georgien befohlen hätte um das Ansehen Russlands zu steigern! Öffentlich-rechtlicher Rundfunk! Was die ARD weggelassen hat, war der kurze Disput mit Thomas Roth vor dieser Antwort:
Wladimir Putin: Was meinen Sie, wer hat den Krieg begonnen?
Thomas Roth: Der letzte Auslöser war der georgische Angriff auf Zchinwali.
Wladimir Putin: [Ich] Danke Ihnen für diese Antwort. So ist es auch, das ist
die Wahrheit. Wir werden dieses Thema später ausführlicher erörtern. Ich möchte
nur anmerken, dass wir diese Situation nicht herbeigeführt haben.
Erst jetzt fährt Putin fort: „Ich bin überzeugt, dass das Ansehen … usw.“ Die ARD schneidet also genau den Satz aus dem Interview indem der Ministerpräsident Russlands klarstellt, das nicht Russland es war, das diesen Krieg angefangen hat, sondern Georgien. Einfach rausgeschnitten – so etwas nennt man Zensur.
Lesen und Vergleichen Sie selbst:
- Hier das Interview, wie es die ARD darstellt[3]
- Hier die russische Originalversion[4]
- Hier
die deutsche Übersetzung des Originals[5]
Damit wollte die ARD verhindern, dass man hierzulande solche Sätze des russischen Ministerpräsidenten liest:
„… Der französische Aussenminister war in Nordossetien und hat sich mit Flüchtlingen getroffen. Die Augenzeugen berichten, dass die georgischen Streitkräfte mit Panzern Frauen und Kinder überfahren haben, die Leute in die Häuser getrieben und lebendig verbrannt haben. Georgische Soldaten haben, als sie nach Zchinwali kamen, - so im vorbeigehen – Granaten in die Keller und Bunker geworfen, wo Frauen und Kinder sich versteckt hatten. Wie kann man so etwas anders nennen, als Genozid? ... “
„… Wenn Sie erlauben, dann sage ich, was ich darüber denke.
Es gab die Sowjetunion und den Warschauerpakt. Und es gab die sowjetischen
Streitkräfte in der DDR, und man muss es ehrlich zugestehen, das waren Okkupationskräfte,
die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Ostdeutschland geblieben sind unter
dem Deckmantel der Koalitionsstreitkräfte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion,
des Warschauerpaktes sind diese Okkupationskräfte weg. Die Gefahr von Seiten
der Sowjetunion ist weg. Die NATO aber, die amerikanischen Streitkräfte, in
Europa sind immernoch da. Wofür?
Um Ordnung und Disziplin in den eignen Reihen zu halten, um alle
Koalitionspartner innerhalb eines Blocks zu halten, braucht man eine
außenstehende Gefahr. Und Iran ist da nicht ganz passend für diese Rolle. Man
will daher einen Gegner wiederauferstehen lassen und dieser soll Rußland sein.
In Europa jedoch fürchtet uns niemand mehr…“
„… Wurde die Resolution 1244 angenommen? Ja! Dort wurde unterstrichen geschrieben: territoriale Souverenität Serbiens! Die Resolution haben die in den Müll weggeworfen. Alles vergessen. Sie wollten die Resolution zuerst umdeuten, anders interpretieren, aber es ging nicht. Alles vergessen. Warum? Das Weißen Haus ordnete an, und alle führen aus! Wenn die europäischen Länder auch weiterhin eine solche Politik führen, dann werden wir über europäische Angelegenheiten in Zukunft mit Washington reden müssen ...“
Aua. Putin spricht Klartext. Das tut weh und passt nicht ins Bild. Deswegen streicht man diese und noch mehr Sätze aus dem Interview. Den Zusammengeschnittenen Rest verkauft man uns dann als „Interview im Wortlaut“ – neoliberale Drecksjournaille!
Quellen:
© 0815-Info










Am 2. September 2008 um 14:56 Uhr
Offener Brief an Herrn Roth:
Sehr geehrter Herr Roth,
Ihre Stellungnahme auf der ARD Web-Site räumt keinen der wichtigen
Punkte der zahlreichen Kritik an ihrem manipulierten Putin-Interview
aus.
Sie schreiben: Sie zensieren nicht, Sie streichen nur.
Sie sind ein intelligenter Mann:
Sie wissen sicher: Gestrichene, geschwärzte Zeilen auf einer Textseite
sind das bildliche Symbol für Zensur. Bei einem so wichtigen Interview
ist das nicht anders.
Entscheidend ist dabei aber, wie Sie richtig sagen, was gestrichen
wird: Streichen Sie z.B., daß ihnen Putin zwischendrin einen Kaffee
anbietet, dann wird das niemand bemängeln.
Sie haben allerdings vier wesentliche inhaltliche Punkte systematisch an mehreren Stellen gestrichen:
- Dort, wo Putin auf den primären Angriff der georgischen Armee auf die
südossetische Hauptstadt zu sprechen kommt, und Sie diesen Angriff als
Auslöser der russischen Militäraktion zugeben. Dies ist umso
gravierender, da die Berichterstattung der meisten Medien in
Deutschland es in den ersten Tagen des Konflikts noch nichtmals
geschafft hat, auch nur die Chronologie der Ereignisse wahrheitsgemäss
wiederzugeben.
- Dort wo Putin die militärische Aufrüstung Georgiens durch den Westen
problematrisiert und die mögliche Anwesenheit US-amerikanischer
Militärberater in der militärischen Konfliktzone erwähnt.
- Und dort, wo Putin mehrfach vergleichbares militärisches Handeln der
NATO zitiert und wo er fragt, ob die russischen Friedenstruppen in
Südossetien sich hätten verkrümeln sollen und wegschauen, wie es die
niederländischen Truppen beim Massaker von Srebenica taten.
- Auch dort, wo Putin den Vergleich mit der Anerkennung des Kosovo duch viele EU Staaten (nicht alle!) und die USA macht.
Offensichtlich sollen aus Ihrer Sicht die deutschen Zuschauer so etwas nicht hören.
Dabei sind es aber wichtige und starke Argumente für das russische
Vorgehen, welche Sie dem deutschen Fernsehzuschauer damit vorenthalten.
Dadurch wird Putins Argumentation im Interview inhaltlich massiv
geschwächt. Dies stellt eine inhaltliche Manipulation dar.
Dass Sie noch nicht einmal gekennzeichnet haben, daß das Interview
gekürzt war, zeigt, wie unverfroren - Sie würden es sicher souverän
nennen – Sie solcherlei „Streichungen“ handhaben. Nach Ihrem Bekunden
ist das „ganz normal“.
In Ihrer Stellungnahme auf der Tagesschau Website geben Sie
keinerlei Erklärung für Ihre Manipulationen. Sie weisen nur pauschal
den Tatbestand der Zensur zurück. Ich muß also davon ausgehen, daß Sie
auch in Zukunft stets weiter so verfahren werden wie in diesem
Interview.
Sie schreiben ferner, daß das vollständige Interview mit Putin nun,
nachdem es massiven Protest gab, im WDR am 2. Sept. um 6:20 Uhr früh
gesendet wird.
Kann ich davon ausgehen, daß auch alle anderen Interviews zum Georgienkonflikt zukünftig alle um 6:20 Uhr gesendet werden?
Herr Roth: Ich habe Sie bisher immer für einen seriösen
Korrespondenten gehalten. Ich bin Jahrgang 1951, habe also die Zeit des
Kalten Krieges mit wachem politischen Bewußtsein miterlebt. Selbst in
dieser Zeit wurde dem „politischen Gegner“, der damaligen Sovietunion,
von Seiten unserer Medien mehr Respekt entgegengebracht im Sinne einer
wahrheitsgemässen und fairen Berichterstattung.
Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ich einmal ein Interview
eines (west)deutschen öffent