Meshaal: Widerstand ist alles, was wir in Gaza haben

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"Wir wollen den sofortigen und vollständigen Rückzug der israelischen Streitkräfte aus Gaza und das Ende der ungerechten Belagerung Gazas, die zu der gegenwärtigen Situation geführt hat. 

Wir fordern die Öffnung aller Grenzen, den Grenzübergang von Rafah eingeschlossen.

Wir werden unvoreingenommen auf alle Initiativen und Entscheidungen eingehen, die auf diesen drei Forderungen basiert. [...] Sorgen Sie dafür, daß die Militäraktionen beendet werden, sorgen Sie dafür, daß die Israelis abziehen und sorgen Sie dafür, daß die Rechte unseres Volkes anerkannt werden, das Recht, ohne Belagerung und geschlossene Grenzen zu leben, wie alle anderen Menschen auch - und wir sind bereit über einen Waffenstillstand zu reden, so wie wir es auch zuvor schon waren."



Erklärung des politischen Führers der Hamas, Khaled Meshaal

Foto: foreignpolicy.com

In einer Rede in Damaskus, die am Sonnabend, 10. Januar 2009 im Fernsehen übertragen wurde, sprach Khaled Meshaal, der politische Führer der Hamas, über die Folgen von Israels Überfall auf Gaza, der seit 15 Tagen andauert:

(überarbeiteter Text der Rede, wie er in der Online-Ausgabe der Tehran Times am 11.1.2009 veröffentlicht wurde.)

Die Zionisten wollten uns eine erniedrigende Niederlage beibringen, denn das einzige Hindernis, das sich ihnen noch entgegenstellt, ist der Widerstand, vor allem der Widerstand im Gazastreifen

Vielleicht glaubten die Zionisten aufgrund der Unterschiede zwischen dem Widerstand im Libanon und dem in Gaza, daß wir im Vergleich zur Hisbollah schwach wären und sie das nach der Niederlage im Libanon geschädigte Ansehen ihrer Armee wiederherstellen könnnten. Sie versuchten das Gebiet von Gaza zu benutzen, um ihre militärische Macht zu zeigen.

Daher ist dies eine Schlacht, bei der es darum geht, militärische Stärke zu demonstrieren, ein Kampf oder Krieg, um unser Volk zu besiegen. Die Zionisten dachten, wir seien schwach. Aber sie wurden von unserem Widerstand überrascht. Alle unsere Unterstützer sowohl in der arabischen und der islamischen Welt als auch im Westen sollen wissen, daß der Widerstand in Gaza in bester Verfassung ist.

Der Widerstand war imstande, die Angriffe des Feindes aufzufangen und danach die Initiative zu übernehmen. Täglich sehen wir neue Überraschungen im Widerstand der Palästinenser.

Vor weniger als zwei Stunden beschossen wir den Luftwaffenstützpunkt in Balnakhim, der 50 Kilometer vom Gazastreifen entfernt liegt.

Der Feind hat sich selbst Ziele gesetzt, die er erreichen wollte. Diese Ziele werden jetzt alllmählich zurückgeschraubt. Israel wollte Gaza zerstören, wollte die Kontrolle von Hamas über Gaza beenden, wie sie es nannten. Der Feind wollte den Widerstand in Gaza vernichten und den Raketenbeschuß aus Gaza unterbinden.

Aber was haben die Israelis bis heute erreicht? Sie konzentrieren sich jetzt darauf, den Norden von Gaza zu treffen und zerstören die Häuser mit den Menschen darinnen befinden, während sie versuchen in den Norden einzudringen und die Raketen zu stoppen. Aber der heldenhafte Widerstand hat sie daran gehindert, Fortschritte zu machen. Im Süden von Gaza versuchen die Israelis zu verhindern, daß Waffen zur Hamas gelangen. Sie versuchen neue Realitäten zu schaffen, um in einer neuen Situation durch Verhandlungen, etwa im Sicherheitsrat, Vorteile zu erreichen.

Sie versuchen der israelischen Bevölkerung die Botschaft zu vermitteln, daß sie siegreich sind und daß sie neue Realitäten geschaffen haben, um ihre Niederlagen in diesen 15 Tagen zu verschleiern. Denn ganz offensichtelich hat der Feind nichts erreicht.

Lassen Sie uns Bilanz ziehen. Was hat der Feind erreicht? Ich kann mit aller Gewißheit sagen, daß der Feind vom militärischen Standpunkt aus auf der ganzen Linie geschitert ist. Konnten sie verhindern, daß Raketen auf Israel geschossen werden? Jetzt reden sie über Wege, die Raketen zu stoppen. Sie wollen neue Tatsachen in Süd-Gaza schaffen, damit sie ihre Sicherheit gewährleisten können, wie sie behaupten. Aber sie haben kein einziges ihrer Ziele erreicht. Was also haben sie erreicht?

In einer Hinsicht hat der Feind Erfolg gehabt. Nicht nur, daß sie das Nichterreichen ihrer Ziele verschleiern, die Israelis machen auch keine Angaben über Verwundete und Tote unter ihren Soldaten. Sie hindern die Medien daran, nach Gaza einzureisen. Die Israelis versuchen ihre Verluste zu verschleiern, indem sie von Beschuß durch eigene Truppen und von Straßenunfällen sprechen. Aber die Wahrheit wird ans Licht kommen und die Zionisten werden die Zahl der Getöteten und das Ausmaß ihres Scheiterns in Gaza herausfinden. Sie versuchen auch, die Weltöffentlichkeit an der Nase herumzuführen und zeigen mit gefälschten Fernsehberichten, daß sie weit in die Stadt Gaza eingedrungen seien.

Worin also war der Feind erfolgreich? Der Feind war erfolgreich darin, Morde zu begehen - Mord an den Frauen und Kindern von Gaza. Israel hat die Menschen in Häuser getrieben und die Häuser dann zerstört. Sie entführen Menschen und töten sie dann kaltblütig.

Der Feind war erfolgreich darin, in Gaza einen neuen Holocaust zu inszenieren.

Lassen Sie mich jetzt zu den Israelis und Zionisten sprechen. Was habt Ihr erreicht mit diesem Krieg, den Ihr unterstützt? Ihr habt Eure Führer darin unterstützt, diesen Krieg voranzutreiben, aber was habt Ihr erreicht, außer unschuldige Kinder zu töten, Schädel zu zerschmettern und in Gaza einen Ozean von Blut zu verursachen.

Was habt Ihr außer einem Holocaust erreicht, den Eure Führer nutzen wollen, um die nächsten Wahlen im Februar zu gewinnen? Palästinensisches Blut ist mittlerweile ein Mittel um politische Erfolge bei Euren Wahlen zu erzielen.

Ihr klagt über den Holocaust, der an Euch begangen wurde, aber Ihr seid heute dabei, einen noch übleren Holocaust zu begehen. Die Palästinenser können in Gaza jetzt ein Museum über Euren Holocaust einrichten ...

Was hinderte die USA daran zuzulassen, daß die Resolution 1860schon  vor einer oder zwei Wochen angenommen wurde? Sie wollten Israel die Möglichkeit geben mehr Palästinenser zu töten und den Sieg über Gaza zu erklären. Aber als der Widerstand nicht nachließ und Israel scheiterte, als das Ausmaß der Massaker bekannt wurde und die USA und jene, die bei dieser militärischen Unternehmung mithalfen, die Mißbilligung und Intifada der muslimischen Massen realisierten, die wirkliche Gefahr mit sich bringt - an diesem Punkt ließen sie die Resolution zustandekommen.

Aber sie nahmen (der UN-Resolution) 1860 jeden Biß. Die Resolution ist eine unverbindliche Waffenruhe ohne jedes verbindliche Datum.



Jetzt stellt sich die Frage, wer die Resolution umsetzen sollte. Umsetzen sollten sie diejenigen, die mit den Militäraktionen begonnen haben. Die Zionisten sollten sie umsetzen und sich sofort aus Gaza zurückziehen. Das wäre logisch.

Was uns betrifft: Wir wollen den sofortigen und vollständigen Rückzug der israelischen Streitkräfte aus Gaza und das Ende der ungerechten Belagerung Gazas, die zu der gegenwärtigen Situation geführt hat.

Wir fordern die Öffnung aller Grenzübergänge, den Grenzübergang von Rafah eingeschlossen.

Wir werden unvoreingenommen auf alle Initiativen und Entscheidungen eingehen, die auf diesen drei Forderungen basieren.

Daher werden wir unter dem Druck von militärischen Aktionen und Belagerung keine Verhandlungen über einen Waffenstillstand akzeptieren.

Sorgen Sie dafür, daß die Militäraktionen beendet werden, sorgen Sie dafür, daß die Israelis abziehen und sorgen Sie dafür, daß die Rechte unseres Volkes anerkannt werden, das Recht, ohne Belagerung und geschlossene Grenzen zu leben, wie alle anderen Menschen auch - und wir sind bereit über einen Waffenstillstand zu reden, so wie wir es auch zuvor schon waren.

Wir werden keinen dauerhaften Waffenstillstand akzeptieren, denn ein solcher nähme dem palästinensischen Volk das Recht auf Widerstand. Der Widerstand richtet sich gegen die Besatzung und gegen Militäraktionen, und darum wird der Widerstand bestehen, solange die Besatzung andauert ...

Desgleichen werden wir den Einsatz von internationalen Streitkräften nicht akzeptieren, denn internationale Truppen würden nur eingesetzt um Israels Sicherheit zu schützen. Jede uns aufgezwungene internationale Streitkraft werden wir als Besatzer betrachten.

Wir werden keine Gespräche akzeptieren, die eine Verstärkung des „Würgegriffs“ beinhalten, in dem sich der Widerstand im Hinblick auf Waffenlieferungen befindet. Einige reden von den Tunneln, als sei Gaza eine Supermacht mit hochmodernen Waffen. Tatsächlich sind wir ein Volk mit sehr begrenzten Möglichkeiten, uns und unser Gebiet zu verteidigen. Niemand hat das Recht uns unser legitimes Rechtauf Verteidigung und Widerstand zu nehmen. (Hervorhebung vom Übersetzer)

Die USA versorgen Israel mit Hunderten von Tonnen Sprengstoff und Artilleriegranaten - ganz so, als ob das israelische Waffenarsenal gar nicht existierte.

Dennoch senden wir unter diesen Umständen unsere Delegation nach Kairo um über den Vorschlag Ägyptens und andere politische Pläne zu reden. Die Übereinkunft über die Grenze  bei Rafah vom November 2005 muß neu überdacht werden, denn dieses Abkommen förderte die Blockade von Gaza. Wir schlugen andere Mittel und Methoden vor.

Ich rufe Herrn Mahmoud Abbas  - der nationale Geschlossenheit im Angesicht von Israels Angriffen forderte - dazu auf, der Welt zu sagen, daß wir zu einer Partnerschaft zwischen der Selbstverwaltung der Palästinenser und Hamas in Gaza zusammenfinden müssen, um zu einem tragfähigen Abkommen in Rafah zu gelangen. Dies ist eine zumutbare Möglichkeit für Sie. Alles andere besitzt keinerlei Glaubwürdigkeit, wenn es um nationale Geschlossenheit geht.

Wir sind vom ersten Tage an für nationale Geschlossenheit eingetreten - nationale Geschlossenheit, die sich auf den Widerstand gegen die Militäraktionen gründet. Aber hierfür braucht es Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit. Alle politischen Gefangenen müssen freigelassen werden und die Palästinenser in der Westbank müssen ungehindert protestieren können, ohne festgenommen zu werden. Natürlich sahen wir gestern, wie sie festgenommen wurden. Wir rufen Mahmoud Abbas auch dazu auf, nicht weiter mit dem Feind zusammenzuarbeiten und die Verhandlungen mit den Israelis zu beenden. Diese Verhhandlungen haben keine Zukunft ...

Und an die arabischen Länder: Bei Gott! Ihr habt uns im Stich gelassen und erniedrigt. Aber soweit Ihr in der Vergangenheit Fehler gemacht habt, so schreitet nun voran und korrigiert Eure Fehler, bevor es zu spät ist ... Ich rufe die arabischen Länder dazu auf, keine offiziellen Vertreter Israels in ihren Hauptstädten zu empfangen.

Die arabischen Führer müssen sich abstimmen und dem Willen ihrer Völker entsprechen. Darüber hinaus rufe ich die arabischen Länder, die Beziehungen zu Israel unterhalten, dazu auf den Israelis zu sagen, daß sie entweder ihren Krieg beenden, oder daß die arabischen Länder ihre Beziehungen zu Israel abbrechen werden.

Nach dieser Resolution sollte die muslimische Gemeinschaft sich nicht beruhigen und annehmen, daß Gewalt und Grausamkeit nun vorüber seien. Die Resolution 1860 hat keinerlei Veränderungen vor Ort bewirkt. Israel erkennt die Resolution nicht an und der Kampf in Gaza ist in seiner heftigsten Phase. Wir brauchen noch mehr entschlossenen Widerstand in Gaza und wir brauchen weitere intensive Proteste in der arabischen und islamischen Welt und der internationalen Gemeinschaft um den Sieg für die Menschen von Gaza zu erlangen. Wir brauchen eine dritte Intifada (Aufstand) in der Westbank und eine Revolution in der arabischen, islamischen Welt, bis sich der Feind aus Gaza zurückzieht, die Blockade beendet und die Grenzübergänge geöffnet werden.

Ein sehr wichtiger Punkt ist, daß die muslimische Welt uns zur Seite stehen sollte. Trotz all der Massaker, die Israel verübt hat, sagen einige, wir seien das Problem und die Massaker seien unser Fehler. Solche Worte sind schändlich. Alle die Dinge, die es den Zionisten ermöglichten, ihr Ansehen (bei den eigenen Leuten) zu steigern, unser Leid zu vergrößern und neue Tatsachen zu schaffen - etwa die Trennungsmauer, Siedlungsaktivitäten und so weiter - geschahen, während Verhandlungen liefen.

Die Verluste und Verwundeten machen betroffen, doch Widerstand kann ohne Märtyrer und Verluste keine Befreiung erreichen. Es ist besser, den Sieg mit Märtyrern und Verwundeten  zu erreichen, als Verluste ohne Widerstand und ohne Sieg zu erleiden.

Einige verleihen der Befürchtung Ausdruck, daß nach all den Opfern die Führung des Widerstandes zusammenbrechen könnte oder etwa einem gütlichen Vergleich zustimmen könnte. Aber im Gegenteil wird das Blut unserer Frauen und Kinder, unseres Volkes, unseren Zusammenhalt und die Entschlossenheit unsere Ziele zu erreichen, nur steigern. Es wäre Unrecht nach all diesen Massakern einfach nur hinzugehen und zu sagen: Laßt uns einen Waffenstillstand machen. Im Gegenteil! Der Preis für dieses Blutvergießen ist die Freiheit und das Recht, unsere eigene Zukunft zu bestimmen und Besatzung und Blockade zu beenden.

Quelle: www.presstv.ir und www.tehrantimes.com

Übersetzt vom Englischen ins Deutsche von Hergen Matussik, einem Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung unterliegt dem Copyleft: sie kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.



Meshaal: Widerstand ist alles, was wir in Gaza haben

Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.


  1. * schreibt am 16.01.2009 16:06
    Bravo, macht weiter, ihr Freiheit liebende Palästinenser.

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