Journalisten: Keinen Arsch in der Hose

aktuelle News Der Medienprofi Volker Bräutigam war Tageszeitungs-Redakteur, später TV-Nachrichtenredakteur, u.a. für die Tagesschau (ARD), in Hamburg. Sein nachfolgender Artikel erhebt nicht unbedingt den Anspruch tagespolitischer Aktualität. Er ist vielmehr eine treffende Beschreibung des IST-Zustandes unserer, ach so „freien“, Presse. (0815-Info)


Journalisten: Keinen Arsch in der Hose
von Volker Bräutigam
Foto: Scheunen-Verlag
Ein Rechtspopulist, der die lingua franca der internationalen Politik nicht beherrscht, dafür aber umso herrischer teutonisch-arrogant auftritt, wurde Bundesaußenminister. Westerwelle in diesem Amt – gewöhnungsbedürftig, ein Ergebnis formaldemokratischer Wahlen.

Ein Schmiergeld-Kassierer wurde Finanzminister. Ein Heimlichtuer gegenüber dem Parlament, einer, gegen den Ermittlungsverfahren wegen uneidlicher Falschaussage in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss liefen. Verfahren gegen ihn wurden zwar eingestellt, aber nicht wegen erwiesener Unschuld. Schäuble als Kassenwart: gewöhnungsbedürftig. Doch selbst mit Derartigem werden wir zu leben lernen. Wir haben den vor ziviler Strafverfolgung gefeiten Politkriminellen ja schon vier lange Jahre als Hüter der Verfassung erlitten.
Gewählt ist gewählt.

Eine dem zivil-irdischen Alltag entschwebte Kanzlerin, die nur vor dem simplen Volk Machtbewusstsein zeigt, sich bei den Plutokraten aber als servile Hausdame anbiedert, müssen wir ertragen. Dass sie nun ihres sozialdemokratischen Amtsvorgängers öffentlich zelebrierten „Basta!“-Stil auch noch übernimmt, ändert nichts mehr an ihren Bild. Wir haben uns schon an sie gewöhnt.

An das Versagen der „Vierten Gewalt“ im Staate, an den Niedergang der freien Presse, dürfen wir uns hingegen nicht gewöhnen. Es ist absolut unerträglich, dass die Creme des bundesdeutschen Journalismus’, versammelt in der Bundespressekonferenz zu Berlin, sich regelmäßig als Pfeifensammlung erweist -  und über die eigene Unfähigkeit und Feigheit auch noch lacht und sie im Boulevardstil veralbert.

Eine rekordverdächtige halbe Million Menschen hat sich seit dem 24. Oktober im Internet-Portal youtube eine nur 73 Sekunden dauernde Filmszene angesehen: Ein niederländischer Journalist zeigt seinen deutschen Kollegen, dass sie keinen Arsch in der Hose haben. Rob Savelberg, in Berlin akkreditierter Korrespondent der Tageszeitung De Telegraaf, fragt Bundeskanzlerin Merkel, warum sie Schäuble als Finanzminister für qualifiziert halte, einen Mann, der doch einst vergessen habe, „dass er 100.000 Mark in der Schublade liegen hat“ (gemeint war die von Schäuble verschwiegene CDU-Parteispende des Waffenschiebers Schreiber). Savelberg: „Kann man die Finanzen eines Landes jemandem anvertrauen, der vor dem Bundestag beteuert hatte, einen Waffenhändler nur einmal getroffen zu haben und dabei vergessen hat, daß er 100000 Mark erhalten hat?“ Dies Zitat wird hier wiederholt, weil man Wahrheiten permanent wiederholen muss, um der Lüge zu begegnen.


 
Die Besucherzählung des Portals fiel zeitweise aus und leider registriert sie auch nicht die Nationalität der Besucher. Wir hätten gern erfahren, ob sich mehr Deutsche oder doch mehr Niederländer die erbärmliche Szene ansahen. Dafür wissen wir spätestens jetzt, dass unser Öffentlich-rechtlicher Rundfunk die Gebühren nicht mehr wert ist, die wir für ihn bezahlen. Bei der Erfüllung ihres Informationsauftrags versagten ARD-Tagesschau und ZDF-heute auch diesmal. Beide Nachrichtensendungen hielten den Vorfall nicht für berichtenswert (oder wagten nicht, darüber zu berichten).
 
Stattdessen kürten die kommerziellen deutschen Mainstream-Medien Savelberg zu ihrem Tageshelden. Auch der SPIEGEL entblödete sich nicht, zu schleimen: Der Niederländer habe „eindrucksvoll bewiesen, dass auch Medienvertreter mitunter noch über ein funktionierendes Langzeitgedächtnis verfügen. Mit charmant niederländischem Akzent fragte er...“ und weiter in diesem Schnulzen-Stil: Kanzlerin Merkel „konnte über die kecke (sic!) Frage - im Gegensatz zu manch anwesendem Pressevertreter - nicht lachen.“

Auch der SPIEGEL ist in der Bundespressekonferenz vertreten. Ob sein Korrespondent unter den Lachern war, weiß ich nicht. Ich erinnere mich aber an das deutsche Sprichwort, dass man am Lachen den Narren erkennt.

Savelberg „hakte nach, wie im Lehrbuch des Journalismus beschrieben“ (SPIEGEL). Aber als ihn die Kanzlerin patzig und herablassend abfertigte und eine sachliche Antwort auf seine Frage verweigerte, da sprang ihm k e i n  e i n z i g e r deutscher Kollege solidarisch bei. Keiner wagte es, Belang und Angebrachtheit von Savelbergs Frage zu unterstreichen und auf angemessener Beantwortung zu bestehen. Man lachte oder fühlte sich peinlich berührt. Und ließ sich am Nasenring zur nächsten Frage ziehen. Peinlich. Schändlich.

Im Interview mit DIE WELT kommentierte Savelberg: „Vielleicht haben meine deutschen Kollegen zuviel Respekt. Mir fällt auf, dass es in Holland weniger Berührungsängste gibt. Da sind meine Kollegen härter. Die Regierung besteht nur aus gewählten Volksvertretern. Das sind keine Monarchen.“ Wie höflich der Mann ist, obwohl sich deutsche Mainstream-Journalisten als schamlose Nieten erwiesen. Sie zeigten keinen Mut vor Fürstenthronen, und einer unverschämten Kanzlerin Zunder zu geben trauen sie sich nicht.

© Volker Bräutigam



Foto: Wikipedia
V.B. schreibt regelmäßig für die Politik-Zeitschrift Ossietzky. Seine literarische Figur eines sarkastisch stänkernden Laubenpiepers lässt Bräutigam auch in seinem neuem Buch „Die Falschmünzer-Republik - Von Politblendern und Medienstrichern“ ausgiebig zu Wort kommen. Illustriert ist es mit Karikaturen von Klaus Stuttmann. (Scheunen-Verlag, Kückenshagen, 2009, 308 S., ISBN: 978-3-938398-90-6. Bestellungen: )

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