Bürgerliche Emanzipation und Schweinekeulen

Kommentar Die Ordnungsvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft sind mal wieder vom Untergang bedroht. Das freie Unternehmertum kämpft als Ich AG ums ideologische Überleben, die politischen Leistungsträger kämpfen mit dem Zwang zur Lohnarbeit für die Unterschicht und das Kapital kämpft mit der Notwendigkeit immer mal wieder ein Werterhaltungsbad in der industriellen Fertigung nehmen zu müssen.


Foto: © 0815-Infovon El Patio

Heute ein schwieriges Unterfangen, ist doch die Verselbständigung der Finanzwirtschaft, bei der sich inzwischen hinter ihren Produkten kein physisches Gut oder gar ein physischer Dienst mehr verbirgt, sondern sich nur noch ein virtuelles ‘Finanzprodukt’ versteckt, munter weiter fortgeschritten. Täglich soll ein Geldtransfer von ca. 2 Billionen US-Dollar um den Globus schwappen und von dem sollen dann gerade mal 2%(!) in der Realwirtschaft landen.

Auch die Kirche kämpft um ihr göttliches Ordnungsprivileg und mit der Moral, nur diesmal mit der eigenen und nicht mit dem allgemeinen Sittenverfall der Anderen. Und ich, so als bürgerlicher Esser, ich kämpfe mit der Ordnungsliebe meines Stamm-Italieners und dem Etikettenschwindel der Lebensmittelindustrie.

„Die Geschichte der bürgerlichen Emanzipation ist untrennbar verbunden mit einer Veränderung der Essgewohnheiten: Zwischen der Adelskaste, die essen konnte, wonach ihr der Sinn stand, und den Unterprivilegierten, die essen mussten, was sie bekommen konnten, oder, falls das nicht möglich war, eben hungern mussten, bildete sich eine Schicht heraus, für die nicht alles, aber immer genug da war, und die niemals hungern musste“ , so grenzt die Stütze der Gesellschaft, die Kunstfigur Don Alphonso, in seinem FAZ-Blog, mit Hilfe der Kochtöpfe die gesellschaftliche Schicht des Bürgertums gegenüber dem Adel und dem Klerus sowie gegenüber den Bauern und den Arbeitern ab. Man ist, was man isst oder sage mir was du isst und ich sage dir wer du bist.

Nur genau hier liegt mein Problem. Wer bin ich und was esse ich da eigentlich, wenn ich eine Portion von einem edlen, milden und dabei trotzdem würzigen Prosciutto bestelle? Kommt sein mageres Fleisch, das nur von ganz feinen Fettfasern durchzogen sein soll und das normaler weise so zart ist, das er auf der Zunge fast zergeht, stammt dieser köstliche italienische Schinken, dieser himmlische Prosciutto di Parma wirklich noch aus Parma?


Stammen die Schweinekeulen, die nach der Schlachtung erst gesalzen und dann monatelang luftgetrocknet reifen sollen nun wirklich noch nur von den Schweinen, die in zehn namentlich gekennzeichneten nord- und mittelitalienischen Provinzen extra für den Prosciutto di Parma gezüchtet werden, oder wurde meine Schinkenportion aus den 139.000 Tonnen Fleisch, das die Holländer aus ihren Schweinemastfabriken jährlich nach Italien exportieren, hergestellt?

Oder stammt der Schinken von einem der Transporte mit den rund 300.000 lebenden niederländischen Ferkeln und Schweinen? Oder ist der Schinken etwa sogar schon gleich in den Niederlanden gefertigt worden, um dann als Prosciutto, mit einer Verpackung in den italienischen Nationalfarben, erst seine Reise über den Brenner anzutreten um dann danach als echt „made in Italy“ wieder bei mir auf dem Teller in Berlin zu landen?

Folgt man Don Alphonso in seinem lesenswerten FAZ-Blog, dann lässt sich im Kern die Geschichte des gehobenen Bürgertums der letzten beiden Jahrhunderte auch anhand des Fleischkonsums erzählen, der früher allein den Eliten vorbehalten war: Die Bauern hatten Mangelkrankheiten durch den ewig gleichen Getreidebrei, und die Mächtigen Rheuma wegen der unmäßigen Fleischesserei. Wer nicht mehr Hunger hatte, versuchte auf der Nahrungskette nach oben zu gelangen, und im 19. Jahrhundert gelang es dem Bürgertum, Fleisch zu einer Normalität werden zu lassen. Manche hatten immer Fleisch auf dem Tisch und die Fleischschüssel wurde zum Mittelpunkt des Gedecks. Damals war Beleibtheit noch ein Wohlstandssymbol, heute ist es Unterschichtensyndrom, schreibt Don Alphonso.

Das sich Ernährungsgewohnheiten auf der sozialen Skala verschieben, das soll gar nicht so selten vorkommen, so erkämpften sich zur Zeit von Fontane noch die Dienstboten im Oderbruch das Recht, nicht mehr als vier Tage pro Woche mit Flusskrebsen ernährt zu werden, erfahre ich bei ihm. Nur müssen die Niederländer nun ausgerechnet das wieder erwachte Sozialprestige für meinen Lieblingsschinken, den Prosciutto, nur weil man sich als Mittelstand die Flusskrebse nicht mehr leisten kann, also müssen die den Hype um dieses kulinarische Kulturgut „made in Italy“ deshalb jetzt gleich so schamlos ausnutzen?

© El Patio

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