Leserbrief an die Süddeutsche

Kommentar Phillip Mattheis hat am 1. Juli einen Abschiedsbrief an „Die Linke.“ verfasst. Derartige Briefe waren zahlreich am 1. Juli und sind ein Beleg dafür, wie Geschichte verfälscht wird. Nehmen wir den „Abschiedsbrief“  einmal genauer unter die Lupe ...


Foto: die-linke-ludwigsburg.deEine Antwort an Herrn Mattheis
von Tilo Schönberg

„Unser Autor ist sich seit Mittwochabend endlich sicher, dass er nie "Die Linke" wählen wird. Ein Abschiedbrief“ – Der Autor hat noch keine Zeile geschrieben, da wird schon klargemacht, wohin die Reise geht – eine „Abrechnung“ mit der Partei „Die Linke.“. Das im Artikel konsequent der Punkt im Parteinamen „vergessen“ wird – geschenkt! Über solche Fehler kann man hinwegsehen, aber nicht über Inhaltliche.

Lieber Herr Mattheisen,
über politische Ansichten kann man streiten. Man kann sie akzeptieren oder auch nicht. Wenn aber Fakten [bewusst] verfälscht werden, fehlt bei mir jegliche Akzeptanz. Sie sind ein „Versteher“. Sie verstehen alles und jeden, aber begreifen nichts. Ob Sie das nicht wollen oder können, bleibt erst einmal dahingestellt.

Sie schreiben: „Es ist naiv und dumm, „gegen die Globalisierung“ zu sein, aber ich verstehe jeden, dem die wachsende Macht von wenigen internationalen Großkonzernen unheimlich ist.“  - Sie verstehen es! Verstehen Sie es wirklich? Ich glaube nicht. Ersetzen Sie das Wort „Globalisierung“ mit „Kapitalismus“ und dann bekommen Sie vielleicht eine Ahnung, was für einen Mist Sie da schreiben.

Globalisierung ist Kapitalismus! Ordinärer, kriegsgeiler, verbrecherischer Kapitalismus. Nachzulesen im „Kapital“ von Karl Marx. Und gegen Kapitalismus zu sein, ist naiv und dumm?

Sie schreiben: „Manchmal kamst du, liebe Linke, mir mit deinen Positionen ein bisschen nostalgisch und weltfremd vor; als gäbe es noch gute, ehrliche Arbeiter die gegen Kapitalisten mit schwarzen Zylinder kämpften.“

Was soll die Formulierung „gute, ehrliche Arbeiter“ suggerieren? Gibt es heute nur noch Schlechte? Unehrliche? Oder wollen Sie suggerieren, es gäbe heute gar keine Arbeiter mehr, besser gesagt – keine Arbeiterklasse. Was ist der Arbeiter bei Opel am Fließband für Sie? Was ist der junge Arzt für Sie, der wöchentlich über 60, 70 Stunden in irgendeinem Klinikum malocht und mit gerademal 1.400 Euro Netto/monatlich nach Hause kommt. Ist das kein Arbeiter?

Die herrschende Klasse muss den Begriff „Klassen“ aufweichen, am besten negieren und abschaffen, damit die Wenigsten begreifen, dass es so etwas wie Klassen gibt. Sie machen das perfekt – Sie verstehen es!

Sie schreiben: „Ich fand es tragisch, dass es ausgerechnet die SPD sein musste, die mit den Hartz-Reformen die größten Einschnitte ins soziale Netz vornahm. Ich hatte Verständnis für deren Notwendigkeit…“ – Sie verstehen es! Sie haben Verständnis, das die SPD – wieder einmal – die Arbeiterklasse verrät und, in Jahrzehnten mühselig erkämpfte, soziale Errungenschaften mit einem Federstrich eliminiert. Das ging auch nur mit der SPD! Jede andere Partei wäre dafür von der politischen Bühne gefegt worden. Es war Schröder, der diese Vorgehensweise vor seiner Wahl in Hamburg den Wirtschaftsbossen vorstellte. Erst dadurch wurde die SPD für diese Herren überhaupt „wählbar“ und ein „Machtwechsel“ eingeleitet. Dafür haben Sie Verständnis. Aber hat die Macht überhaupt gewechselt?


Sie haben Verständnis dafür, dass bei den sozial Schwachen gespart wird „bis es quietscht“, die Reichen aber immer reicher werden. Sie haben Verständnis dafür, dass dank Hartz IV eine Lohndumpingwelle eingesetzt hat, die in der Geschichte der Bundesrepublik Ihresgleichen sucht. Sie haben Verständnis dafür, dass man Banken Milliarden hinterherschmeißt, aber langjährig Beschäftigte nach einem Jahr Arbeitslosigkeit unter die Armutsgrenze gedrückt werden. Ja, das hat die SPD erreicht. Sie können stolz sein auf diese Partei, so stolz wie es ihre Vorfahren auf Brandt waren, dessen Namen ich in erster Linie mit den unsäglichen Berufsverboten in der BRD in Verbindung bringe.

Die Richter, die diese Berufsverbote aussprachen, waren zum Teil alte Bekannte. Nazis, die wieder in Amt und Würden waren und ihrer alten Beschäftigung nachgingen – Kommunistenhatz. Nicht nur Kiesinger, bei dem Sie das Amt des Bundespräsidenten mit dem des Bundeskanzlers verwechseln, steht für diese Zeit. Sie erwähnen Hans Maria Globke nicht, den Mitautor der Rasse-Gesetze, der als Staatssekretär in Bonn tätig war. Globke öffnete der Nazi-Mischpoke Tür und Tor zu politischen Ämtern. Richard von Weizäcker erwähnen Sie auch nicht und am liebsten wollen Sie das alles sowieso schnell vergessen – weil Sie ein „Versteher“ sind! Sie wollen nach vorne schauen!

Dann schauen wir doch mal nach vorne: Deutschland führt wieder Krieg und  - oh Wunder – Sie verstehen das! Sie bezeichnen den Revolutionär Che Guevara als Mörder, aber was bitte sind dann deutsche Soldaten, die am Kunduz mal eben 100te Afghanen massakrieren?

Was Sie nicht verstehen können ist, das "Die Linke." Gauck die Gefolgschaft verweigert. Sie behaupten ein Joachim Gauck stünde für Aufarbeitung und Neuanfang und Sie können nicht verstehen, dass die Partei „Die Linke.“ diese Person nicht als Bundespräsidenten haben wollte. Dabei haben Sie persönlich doch am Wahlomat viele Übereinstimmungen mit der Politik der Linkspartei erkannt. Ist Ihnen dabei entgangen, dass die Linkspartei, genau wie über 65% der Bevölkerung dieses Landes, für einen sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan ist? Ist Ihnen dabei entgangen, dass die Partei „Die Linke.“ Hartz IV ablehnt? Gauck hingegen befürwortet den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, genauso befürwortet er das Verelendungsprogramm Hartz IV. Warum also sollte die Partei „DieLinke.“ Gauck wählen. Mal ganz zu schweigen von Gaucks Nähe zu Erika Steinbach und ihrem Vertriebenenbund.
 
Ja, Deutschland hat jetzt einen konservativen Bundespräsidenten namens Christian Wulff. Aber der bekennt sich wenigstens dazu. Sie wollten einen Neoliberalen und Konservativen unter dem Deckmäntelchen eines vermeintlich Linken installieren. Gauck ist so wenig Links wie Ihre SPD sozial ist!

Was Sie ärgert ist, dass die Partei „Die Linke.“ konsequent geblieben ist. Wenigstens diesmal! Ihre SPD wollte die Linkspartei vorführen – am Nasenring durch die Manege ziehen. Das ging gehörig schief. Und deshalb schreiben Sie und ihre Kollegen bei Springer & Co „Abschiedsbriefe“ an die Linke.

Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen. Zu welcher Klasse zählen Sie sich, Herr Mattheis?

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/506902

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Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.



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