US-Geistlicher ruft zum Mord an Chavez auf!

Eine Nachbetrachtung

Hugo Chavez, Foto: AP/MirafloresAls ich diese Schlagzeile das erste mal überflogen habe, war in Deutschland Wahlkampf. Ich hatte nicht die Zeit, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Aber das möchte ich nun nachholen. Allein diese Titelüberschrift in zahllosen Gazetten zeugt davon, wie auch hierzulande Meinungsmache betrieben wird.

Der Aufruf zur Ermordung des venezolanischen Staatspräsidenten » Hugo Chavez stammt nicht von von einem (x-beliebigen) US-Geistlichen, sondern von DEM US-Geistlichen himself! Pat Robertson ist DER amerikanische Fernsehprediger der Nation, Mitbegründer der "Christian Coalition" - ein Dachverband christlich-konservativer politischer Gruppierungen in den USA und Gründer von "Christian Broadcasting Network" - ja, richtig » CBN!

Auch wenn die Regierung von George W. Bush umgehend verbreitete, das dieser Aufruf nicht mit ihrer Politik übereinstimmt (die Äußerungen Robertsons seien »unangemessen« und spiegelten nicht die Position der US-Regierung wider), kann man dieses Dementi getrost in den Mülleimer werfen - natürlich war und ist die US-Außenpolitik für Venezuela auf ein baldiges Ende von Chavez ausgerichtet.

Wortwörtlich sagte Robertson: »Wir haben die Möglichkeit, ihn (Chavez, A.d.R.) auszuschalten, und ich denke, die Zeit dafür ist reif« Natürlich hat Robertson nicht das Wort "ermorden" in den Mund genommen, aber sein Versuch, sich zu entschuldigen ist geradezu kläglich (oder vielleicht auch nur widerwillig?). Auf der Website von CBN ließ er jedenfalls verlauten, er wäre falsch zitiert worden:
»Ich habe nicht Ermordung gesagt, ich habe gesagt, unsere Geheimagenten könnten ihn ausschalten«. Um das zu tun, gebe es mehrere Möglichkeiten, auch die, einer Entführung.
Komisch nur, das andere Reporter Robertson wesentlich eindeutiger in Erinnerung haben: »Wenn er denkt, wir versuchen ihn zu liquidieren, sollten wir wirklich damit loslegen und es tun« - zitiert ihn z.Bsp. BBC.

Jetzt haben wir also nicht nur den - juristisch einwandfreien - Mordaufruf, nein Pat Robertson legt noch nach und ruft zum Kidnapping auf. Aber nicht nur die kriminelle Energie dieses - ach so christlichen - Fundamentalisten wird deutlich, sondern auch das Selbstverständnis der USA gegenüber dem Eigentum anderer Staaten: Robertson nennt Chavez einen »gefährlichen Feind in unserem Süden, der die Kontrolle über einen See an Öl hat«

Die gefährlichen Feinde der USA sind zahlreich, wie z. Bsp. » Ibrahim Ferrer oder » Robert Fisk. Auch der Sänger » Cat Stevens, schon vor Jahren zum Islam konvertiert, ist nach seiner Umbenennung in Yusuf Islam eine unerwünschte Person in "the Land of the free", weil gefährlich für die nationale Sicherheit. Insofern befindet sich Chavez also in guter Gesellschaft, wobei Paterson gegen die drei Genannten noch nicht zum Mord aufgerufen hat, dafür aber bei Personen wie Kim Il Sung (Nord-Korea) oder Fidel Castro (Kuba).




Willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein

Was macht nun Hugo Chavez so gefährlich für die USA?
An erster Stelle muss wohl genannt werden, das er am Ölhahn sitzt, immerhin beziehen die USA 14% ihres Bedarfs an fossilen Brennstoffen aus Venezuela. Und wer am Ölhahn sitzt und nicht blind mit den USA kooperiert ist immer ein potentieller Feind der amerikanischen Demokratie (siehe Irak/Iran), wobei mir mal jemand erklären muss, was an dem WildWest-Gebahren der USA demokratisch sein soll ...
Das Dumme für die USA ist, das nicht nur das venezolanische Volk hinter Chavez steht, sondern auch das Militär (der Grund, warum der Putschversuch 2002 scheiterte). Und Chavez macht weiter lauter gefährliche Sachen:

• erfolgreiche Kampagnen zur Beseitigung des Analphabetismus im Land
• subventionierte und/oder kostenlose Lebensmittel für die ärmsten Teile der Bevölkerung
• massiver Ausbau des kostenlosen Gesundheitswesens für alle Bürger des Landes
• freier Zugang zu Bildungs- und Hochschulbildungs-Einrichtungen
• Absenkung der Arbeitslosenrate um 9% durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen

Chavez profitiert dabei natürlich auch vom hohen Ölpreis. Die über 700.000 Arbeitsplätze, die die Regierung unter Chavez im öffentlichen Sektor geschaffen hat, sind ein Ergebnis dessen. Aber Chavez sieht auch das Elend in den umliegenden lateinamerikanischen Staaten und bietet das venezolanische Öl für die ärmsten Länder verbilligt an und profitiert auch davon. Kuba z. Bsp. bedankt sich mit zahllosen Ärzten, die das Medizinwesen des Landes aufbauen - umsonst!
An dieser Stelle soll auch nicht unerwähnt bleiben, das Chavez auch die Armut in den USA sieht und für diese Personengruppen ebenfalls sein Öl verbilligt anbietet.

Das alles macht Chavez zum "Staatsfeind" der USA und um so wütender sind die Ausfälle von » Bush-Getreuen und -Förderern wie Pat Robertson, weil Chavez laustark ankündigt, den USA den Ölhahn zu sperren, sollten die Vereinigten Staaten ihn und sein Land weiterhin bedrohen und gefährden. Auch die deutsche Medienlandschaft beeilt sich, Chavez dementsprechend in die Despoten-Ecke zu stellen, wie etwa mein "Lieblings"-Kampfblatt mit der Schlagzeile »» Chavez droht Amerika mit hundert Jahren Krieg«

Pat Robertson und die Evangelikalen

Marion Gordon Robertson, so sein richtiger Name, ist Moderator der amerikanischen Fernsehsendung » The 700 Club, die von vielen religiösen Kanälen ausgestrahlt wird. Seine Ansichten sind Gegenstand vieler Kontroversen, besonders seine Forderungen nach Aufhebung der Grenze zwischen Kirche und Staat. Er ist ordinierter Geistlicher der » Southern Baptists, aber (im Widerspruch dazu) auch Anhänger der » Pfingstbewegung.

Das im Jahre 1960 von ihm gegründete » Christian Broadcasting Network sendet heute in 180 Ländern und 71 Sprachen. Robertson ist ebenfalls Gründer und Präsident des American Center for Law and Justice, einer Anwaltskanzlei und Lobby-Gruppe, die die Rechte religiöser Amerikaner verteidigt und die Ansicht vertritt, die Trennung von Staat und Kirche könne durch die individuelle Entscheidung des Einzelnen zum Glauben wieder aufgehoben werden. Sie setzt sich in Gerichtsverhandlungen immer wieder gegen Abtreibung und für das traditionelle Familien-Bild ein. 1988 war Robertson in der republikanischen Partei (GOP) als Kandidat für das Amt des amerikanischen Präsidenten im Gespräch.

1991 verfasste er ein verschwörungstheoretisches Buch mit dem Titel » The New World Order (Die Neue Weltordnung). Hierin vertritt er u.a. die These, dass die europäische, angeblich demokratiefeindliche Hochfinanz mit Hilfe der Weltbank und einer geplanten Weltwährung vorhabe, sich den Reichtum des amerikanischen Volkes anzueignen. Zu diesem Zweck hätten sie sowohl 1865 den Mord an Abraham Lincoln inszeniert, da dieser angeblich vorgehabt habe, den Dollar zu einer zinsfreien Währung umzugestalten, als auch 1912 Woodrow Wilson ins Weiße Haus gebracht, damit dieser dann die Einführung der Einkommensteuer und eines Zentralbankrats durchsetzte. Außerdem würden die USA bedroht von einer antichristlichen und obendrein sozialistischen Koalition aus Illuminaten, Freimaurern und originellerweise New Age-Anhängern. Diese strebe eine Weltregierung, eine Weltarmee, eine Weltwirtschaft unter einer britischen Finanzoligarchie und einen Weltdiktator, dem ein Rat von zwölf Getreuen zur Seite steht, an.

Robertson vertritt u.a. die Ansicht, dass Gebete physische Wirkung (etwa gegen Naturkatastrophen) entfalten können. Er greift Liberale, Homosexuelle und Feministinnen scharf an: Feminismus bezeichnete er als sozialistische, anti-familiäre Bewegung, die Frauen dazu veranlasse, ihre Männer zu verlassen, ihre Kinder zu töten, Hexerei zu praktizieren, den Kapitalismus zu zerstören und lesbisch zu werden. Damit vertritt er ähnliche Ansichten wie Jerry Falwell. Die Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA stellt er kurz darauf als Strafe Gottes für Abtreibung und Unglauben in der Bevölkerung dar, relativierte diese Aussage später allerdings nach Protesten. [Quelle: » Wikipedia]

Der christliche Fundamentalismus ist kein "amerikanisches Problem"

Bleibt festzuhalten, das diese erzkonservative Gruppierung innerhalb der Christen-Gemeinschaft in den USA enormen politischen Einfluss gewinnt. Die Wahl von Georg W. Bush ist das beste Beispiel dafür. (Robertson hat Bush.senior wie junior mit großem finanziellen Aufwand bei den jeweiligen Präsidentschaftswahlen unterstützt) Auf Bush geht die millionenschwere Kampagne "Kein Geschlechtsverkehr vor der Ehe" zurück, die mit beachtlichem Erfolg an us-amerikanischen Schulen propagiert wird. Ebenso möchte Bush gerne, das an den Schulen neben den Darwinschen Lehren auch Unterricht in "» Intelligent Design" gegeben wird

Wer jetzt glaubt, das derartige "Auswüchse" von Fundamentalismus allein ein "amerikanisches Problem" ist, irrt gewaltig.
In Deutschland z. Bsp. gibt es ebenfalls derartige Strömungen und Lobbyisten. 1994 machten Egmont R. Koch und Oliver Schröm eine Reportage unter dem Titel "» Das Geheimniss der Grabesritter - Hinter den Kulissen eines katholischen Ordens". Dieser Film wurde einmal in der ARD gezeigt und verschwand danach in den Katakomben des WDR auf nimmer Wiedersehen, laut Schröm ist dieser Film einigen Herren des WDR sauer aufgestoßen, die ebenfalls Mitglied in diesem Orden sind.

Neustes Beispiel dafür, das Amerika Deutschland auch in diesem Punkt schon längst erreicht hat, ist der Versuch von Thüringens Ministerpräsidenten Dieter Althaus (CDU), eine » Diskussion über die Schöpfungslehre anzuschieben. Althaus greift dabei auf den Evolutionskritiker Siegfried Scherer zurück. Scherer steht den so genannten Kreationisten nahe, die davon ausgehen, dass ein höheres Wesen gezielt Pflanzen, Tiere und Mensch geschaffen hat und 2002 für sein Buch "Evolution. Ein kritisches Lehrbuch" den Deutschen Schulpreis erhalten. Laut Althaus gibt es beim Thema Evolution »kein abgeschlossenes wissenschaftliches Konzept«. Dies wiederum ruft den Protest der politischen Oppositionsparteien wie etwa der » Linkspartei auf den Plan und mittlerweile ist das Thema auch in verschiedenen Medien
» präsent.
Die Saat ist gelegt ...

» 0815-Info, 24.09.2005



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