Offener Brief an die Bundeskanzlerin
Offener Brief - Ihre Israel-Reise Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
Sie waren vor einigen Tagen mit einer großen Regierungsdelegation in Israel, um die Verbundenheit Deutschlands mit Israel zu bekräftigen.
Mit Blick auf die “terroristischen Anschläge der
Palästinenser” und der “antiisraelischen Politik Irans” haben Sie
hervorgehoben, dass die Bedrohung Israels auch eine Bedrohung Deutschlands sei.
Die Bedrohung durch Iran sehen Sie - in
Übereinstimmung mit der israelischen Regierung
und der Regierung der USA - darin, dass der iranische Staatspräsident
Ahmadinedschad erklärt habe, Israel
müsse von der Landkarte verschwinden, “ausradiert werden“, und dass Iran den
Besitz von Atomwaffen anstrebe.
Weder das eine noch das andere entspricht den
Tatsachen.
Sicherlich wäre es für den Iran vorteilhaft, wenn
er Atomwaffen hätte, um das
Ungleichgewicht zu beseitigen, das darin besteht, dass sowohl Israel als
auch sein Hauptverbündeter, die USA, zum Klub der Atommächte gehören. Das zeigt
das Beispiel Nordkorea. Hätte diese Land keine Atomwaffen, hätte es sehr
wahrscheinlich schon längst das gleiche Schicksal erlitten wie der Irak, der
den aggressionslüsternen und hochgerüsteten USA nichts entgegensetzen konnte,
was waffentechnisch auch nur annähernd gleichwertig gewesen wäre. Starke
Staaten werden von den USA nicht angegriffen Man hält sich an die schwachen,
die sich nicht erfolgversprechend zur Wehr setzen können.
Aber der Iran hat keine Atomwaffen. Nach den
Feststellungen der Internationalen Atomenergiebehörde ist er auf absehbare Zeit
auch nicht in der Lage, solche Waffen herzustellen. Vom Irak hat man damals
gefordert, dass er nachweise, keine Massenvernichtungsmittel zu haben. Er hatte
keine. Vom Iran verlangt man, nachzuweisen, dass er keine Atombomben haben
wolle und auch keine bauen werde. Mir ist nicht bekannt, daß solche unsinnigen
Beweise jemals auch von Israel gefordert worden wären.
Daß Ahmadinedschad Israel vernichten wolle, ist
eine Lüge, deren man sich bedient, um Stimmung gegen den Iran zu machen. Das
läßt befürchten, daß die Öffentlichkeit auf einen möglichen Krieg gegen Iran
eingestimmt und vorbereitet werden soll. Die Szenarien gleichen sich. Vor dem
Irak-Krieg ließ sich die Bush-Administration haarsträubende Lügen einfallen, um
den (schon lange vorher beschlossenen) völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen
den Irak zu beginnen und ihm einen legalen Anstrich zu geben.
Die Süddeutsche Zeitung hat in Ihrer Ausgabe vom
15./16.03.2008 einen Artikel der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur mit der
Überschrift “Ein Übersetzungsfehler macht gefährliche Weltpolitik“.
abgedruckt. Darin weist Frau Amipur nach, dass die Darstellung, Ahmadinedschad
habe von der “völligen Zerstörung und Vernichtung des jüdischen Volkes”
gesprochen, unrichtig ist, weil seine in Betracht kommende Rede falsch
übersetzt worden sei. Auf diesen Fehler hatten vorher auch schon andere
Veröffentlichungen hingewiesen.
Frau Amirpur schreibt:
Die Vernichtungsphantasien, die Iran unterstellt
werden, gehen auf einen einzigen Satz zurück: „Israel must be wiped off the
map.” Kein Satz wird so häufig mit dem amtierenden Präsidenten Irans, Mahmud
Ahmadinedschad, assoziiert wie dieser: Israel muss von der Landkarte radiert
werden. Das Problem ist nur – er hat diesen Satz nie gesagt. Ahmadinedschad hat
die Worte für „map” und „wipe off” nie benutzt. Die persische Originalversion
von Ahmadinedschads Äußerungen über Israel ist weit weniger martialisch als die
Übersetzung, die verschiedene Agenturen verbreitet haben und die wiederum auf
der englischen Übersetzung des persischen Originals beruht. …
Ahmadinedschad sagte jedoch wörtlich: „in rezhim-e eshghalgar bayad az safhe-ye ruzgar mahv shavad.” Das bedeutet: „Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte (wörtlich: Zeiten) verschwinden.” Oder, weniger blumig ausgedrückt: „Das Besatzerregime muss Geschichte werden.” Das ist keine Aufforderung zum Vernichtungskrieg, sondern die Aufforderung, die Besatzung Jerusalems zu beenden.
Ich verstehe nicht, warum Sie das nicht zur
Kenntnis nehmen, sondern weiterhin mit der Lüge hausieren gehen, Iran plane
atomar aufzurüsten und Israel zu vernichten.


Der Krieg gegen den Irak war und ist durch nichts zu rechtfertigen. Er war und ist eine völkerrechtswidrige bewaffnete Aggression, die den Irakern, was voraussehbar war, alles andere als “Demokratie und Freiheit” gebracht hat - mit Ausnahme der Möglichkeit vielleicht, irgendwo auf einem Stimmzettel ein Kreuzchen machen zu dürfen, damit eine von den USA installierte korrupte Regierung ins Amt kommen oder im Amt bleiben kann.
Die Bilanz des Krieges: Millionen Flüchtlinge, Hunderttausende Tote und Verletzte, Bomben, Terror, Elend und Zerstörung. Das einmal für die arabische Region vorbildliche und von der UNO ausgezeichnete Bildungs- und Gesundheitssystem droht zusammenzubrechen. Die Menschen haben weder genügend Nahrung noch Medikamente. Ihnen geht es schlechter als vorher. Mission accomplished!
Durch den Krieg gegen den Irak sind nach der im angesehenen britischen Wissenschaftsmagazin “The Lancet” im September 2006 veröffentlichten Studie US-amerikanischer Wissenschaftler, die auf seriösen Erhebungen beruht, 650.000 bis 700.000 unschuldige Zivilisten, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, ums Leben gekommen. Nach den Erkenntnissen des britischen Forschungsinstituts ORB wurden bis Herbst 2007 sogar etwa 1,2 Millionen Iraker getötet und 1,1 Millionen verwundet.
Diese Zahlen, die eigentlich Ihr christliches Gewissen belasten und Ihnen fortwährend schlaflose Nächte bereiten müßten, lassen Sie allem Anschein nach völlig kalt.
Hunderttausende von Toten in einem Krieg, der dem Völkerrecht diametral entgegensteht und von den USA in Szene gesetzt worden ist, um an die Erdölquellen im Irak zu kommen und den Nahen Osten geostrategisch, nach US-amerikanischen Vorstellungen und Wünschen, neu zu ordnen.
Über die Berechtigung des Krieges läßt sich, nachdem sich herausgestellt hat, dass es die von der die US-Administration vorgebrachten Kriegsgründe (Massenvernichtungswaffen, Zusammenwirken mit dem Terrornetzwerk Al Quaida) gar nicht gab, sondern dass diese samt und sonders “erstunken und erlogen” waren, nicht im geringsten mehr streiten. Lügen und Hirngespinste und aberwitzige Theorien (mit denen sich der Generalbundesanwalt beschäftigt hat, um Argumente zu finden, mit denen er die auf Art. 26 GG, § 80 StGB - Friedensverrat - gestützten Strafanzeigen “abschmettern“ konnte) sind keine geeignete Grundlage für Diskussionen, die den Krieg rechtfertigen sollen.
Sie werden sich an die 2½-stündige Multi-Media-Show erinnern, die Colin Powell, der damalige Außeminister der USA, am 05.02.2003 im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zum Besten gab, um den Irak als Schurkenstaat zu überführen. George W. Bush lobte die Powell´sche „Beweisführung“ zwei Tage später mit den Worten:
Die “Beweisführung” Powells wird in die
Geschichte eingehen - als Beispiel dafür, zu welchen Lügen auch Regierungen
eines demokratisch verfaßten Staatswesens fähig sind, um die Bevölkerung auf
einen Krieg einzuschwören, der nach dem Völkerrecht nicht geführt werden
dürfte.
Für jeden Menschen, der das Zeitgeschehen
aufmerksam verfolgt hatte, war nicht
erst später, sondern schon am 05.02.2003 klar, dass Powell keine Fakten,
sondern Märchen aus Tausendundeiner Nacht vortrug.
Powell erklärte, als er aus dem Amt des
Außenministers ausgeschieden war, dass seine Rede im Sicherheitsrat im Februar
2003, mit der er den geplanten Irak-Krieg gerechtfertigt hätte, ein
"Schandfleck" in seiner politischen Karriere sei.
Wäre es, sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin, nach
Ihnen gegangen, hätte sich Deutschland direkt am Krieg gegen den Irak
beteiligt. In diesem Falle wäre inzwischen schon der soundsovielte
Bundeswehrsoldat in die Heimat zurückgekehrt - in einem Zinksarg, empfangen mit
allen militärischen Ehren.
Damit es nicht in Vergessenheit gerät (aber
vielleicht halten Sie es ja auch mit Konrad Adenauer, der einmal gesagt hat: “Was
kümmert mich mein Geschwätz von gestern“):
Anfang 2003 reisten Sie - und fielen damit der
Bundesregierung in den Rücken - nach Washington, um dort in Gesprächen mit
hochrangigen Vertretern der amerikanischen Administration Abbitte zu tun für
das kategorische „Nein“ der deutschen Bundesregierung zu einem Krieg gegen den
Irak, das Sie für falsch hielten.
In der Bundestagsdebatte am 19.03.2003 erklärten
Sie, daß Sie dem Ultimatum, das die USA Saddam Hussein gestellt hatten, nämlich
den Irak zur Vermeidung eines Krieges binnen 48 Stunden zu verlassen, nur
beipflichten und der deutschen Bundesregierung nur den dringenden Rat geben
könnten, sich dem Ultimatum anzuschließen.
Auf späteres Befragen eines Journalisten, wie das
in Bezug auf einen etwaigen Krieg zu verstehen sei, präzisierten Sie Ihren
Standpunkt dahin:
Am 20.03.2003, als der Krieg schon begonnen
hatte, bekräftigten Sie ihre Sympathie für die Haltung und das Vorgehen der USA
nochmals mit den Worten:
Mir kam es so vor, als hätten Sie sich damals am
liebsten auf den Schoß von George W. Bush gesetzt, wenn dieser Platz nicht
schon vom damaligen britischen Premierminister Tony Blair, wie Bush ein übler
Kriegstreiber und -betreiber, beansprucht worden wäre.
Ich frage mich manchmal, wie es kommt, daß Sie
sich mit dem israelischen Ministerpräsidenten Olmert und dem amerikanischen
Präsidenten George W. Bush so gut verstehen. Beide haben völkerrechtswidrige
Kriege zu verantworten, denen unzählige Menschen zum Opfer gefallen sind, Bush
den Krieg gegen den Irak und Olmert den gegen den Libanon. Beide sind
Kriegsverbrecher. Im allgemeinen Sprachgebrauch. Mit solchen Menschen geht man
nicht so betont freundschaftlich um, wie Sie das tun.
Sie sind in der DDR aufgewachsen und haben die
dortigen Schulen besucht. Sie haben eine akademische Ausbildung und waren
freiwillig in der FDJ. Bei allen Vorbehalten, die man gegenüber der DDR haben
kann: Eines kann man ihr nicht absprechen. Der Frieden in der Welt war ihr ein
großes und ernsthaftes Anliegen. Nicht nur verbal. Sie hat nicht zum Krieg,
sondern zum Frieden aufgefordert und die jungen Menschen in diesem Sinne
erzogen. Warum ist bei Ihnen so wenig davon hängen geblieben? Haben Sie mit dem
Negativen auch gleich das Positive abgestreift, das es in der DDR gab?
Mit freundlichen Grüßen
Armin Fiand
Rechtsanwalt
Minsbekweg 4 a
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