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Schon die Namensgebung bietet Anlass zum Grübeln. Toll = supergut oder verrückt und Collect erinnert an den Klingelbeutel in der Kirche.

 


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von Tilo Schönberg

Im Moment schreibt ja so jede Zeitschrift, das man mit der Telekom und DaimlerChrysler, als Inhaber von TollCollect, den Bock zum Gärtner gemacht hat. Das die das so schreiben ist wichtig, schließlich wird durch dieses laute Hinausposaunen von BILD-Erkenntnissen verhindert, das man auch mal hinter die Kulissen schaut. Wer's trotzdem tut wird sich erschrecken, wer noch weiter gräbt wird entsetzt sein und noch weiter geht dann nicht - danach kommt nur noch die berühmte Mauer mit dem Schweigen.

Von Angfang an war klar, das das Konsortium, so wie es heute besteht, den Zuschlag erhalten sollte. Andere, besonders kleinere Firmen scheiterten bereits im Voraus an den technischen und finanziellen Voraussetzungen, die das Bieterverfahren forderte. Diese hohen Vorraussetzungen waren im eigentlichen Vertrag aber kein Thema mehr, Sie fehlten genau so wie z.Bsp. eine Haftbarhaltung bei Nichterfüllung usw. Das Stolpe den Vertrag dann dennoch gekündigt hat, war eher politischer Druck als reales Denkvermögen. Nicht umsonst baute Stolpes Schreiben das größte Tor zum Wiedereintritt ein, das jemals eine "Kündigung" gesehen hat: 2 Monate hat TollCollect Zeit nachzubessern! Die gehen nicht, die machen weiter ...

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die später eine enorme Bedeutung erlangen. Clement, Deutschlands Superminister, äußerte gleich bei Amtsantritt auch Deutschlands Straßen privatisieren zu wollen. Das war nur am Rande erwähnt und kaum eine Zeitung fand es wert, darüber zwei Sätze zu schreiben. Aber Deutschland hat eine geniale Infrastruktur, oder anders gesagt, politisch wertvolles Tafelsilber. Bei Tunnel- und Brückenbauten gibt es das schon länger, das private Bauträger für die Finanzierung zuständig sind. (die 4. Elbtunnelröhre in HH hat die Wirtschaft finanziert) Aber Privatisierung bedeutet auch, das ich die Kosten irgendwann einmal wieder eingespielt haben möchte. Sonst mache ich so etwas nicht.

Hier sind wir wieder bei TollCollect. Daimler, weltgrößter LKW-Hersteller, soll also ein Konzept entwickeln, wie man "seine" Trucks finanziell belasten kann. Daimler kann überhaupt kein Interesse daran haben seine, ohnehin nicht rosigen, Verkaufszahlen durch höhere Unterhaltskosten der LKW's noch mehr zu torpedieren. TollCollect macht nur Sinn, wenn man es weiterführt. Alle müssen zahlen. Nicht nur Brummis, sondern auch die Millionen PKW's werden abkassiert. Nur dann trägt sich TollCollect. Wen man so denkt, macht es auch Sinn, das man im Bieterverfahren jede ausländische Firma ausgebootet hat. Die Mautbrücken sollten um jeden Preis in deutscher Hand bleiben, weil es eben nicht nur um die Maut geht.

Schaut man sich die Technik an, die in den über 300 Brücken beherbergt wird, kann einem schon übel werden. Sogenannte Mikrowellen werden vom OnBoard-Unit (das ist der kleine Kasten von der Größe eines Autoradios) an Empfangsrelais bei Autobahnauf-und abfahrten gesendet, die Strecke dazwischen wird als mautplichtig abgerechnet. Diese Technik ist vergleichsweise simpel und eigentlich ohne große technische Schwierigkeiten umzusetzen. Daran ist TollCollect auch nicht gescheitert. Das System ist überfrachtet mit weiteren Anforderungen, da liegt der wesentliche Punkt. Über GPS und Handy soll eine punktgenaue Ortsbestimmung möglich gemacht werden. Das mag für einige wenige Großspeditionen eine Rolle spielen, rechtfertigt ab keineswegs die damit verbundenen Kosten. Aber denkt man wieder daran, das auch PKW's im Spiel sind, entsteht ein ganz anders Bild, nämlich Überwachung und die Möglichkeit spezifische Bewegungsprofile zu erstellen. Nicht die Profile von 40 Millionen im Stau stehenden PKW - die stehen auch noch mit der tollen TollCollect-Technik da, nein, der Einzelne ist wichtig. Gezielt Personen zu überwachen, das ist der Grund. Eine weitere Technik sind die Laser-Scanner, die in die Brücken eingebaut sind:

"In voll funktionsfähigem Zustand sollen dann insgesamt 300 an Trägerbrücken montierte Automaten flächendeckend die gebührenpflichtigen von den nicht-gebührenpflichtigen Kraftfahrzeugen trennen. Die Klassifizierung erfolgt über die Vermessung der Fahrzeug-Umrisse mittels Laser-Scanner. Wie exakt die automatischen Vorkontroll-Geräte funktionieren, belegt dieses Beispiel aus dem Erfahrungsschatz des Betreiberunternehmens:
Bei Testmessungen im Frühjahr ermittelten die Hightech-Einrichtungen ein Pferd als Autobahn-Benutzer. Da als nichtmautpflichtig klassifiziert, ließen die Fahnder den Vierbeiner laufen." (»http://ladungssicherung.de/content/download/BKF0708_03/BKF0708_03s0406.pdf)

Das mag lustig klingen, aber Behörden sind alles mögliche, nur nicht lustig!
Bekanntlich sind Nummernschilder (auch im Ausland) an bestimmte Fahrzeugtypen gebunden. Wenn man sich mit den Gesetzen vertraut macht, sind Manipulationen an den Schildern mit so hohen Strafen verbunden, das sie kaum vorkommen. Warum komplette Vermessung von Fahrzeugen, wenn ein einfacher Scann der Nummerschilder ausreichend wäre. Auch dies dürfte ein wesentlicher Grund sein, warum TollCollect nicht fertig wird. Technischer Anspruch und Machbarkeit klaffen noch weit auseinander.

Das GPS-Technik dabei ist, erwähnte ich schon. GPS ist eine amerikanische Technik und die USA behalten sich weltweit das Recht vor, diese Technik nach Belieben zu beeinträchtigen und zu blockieren (siehe die Kriege in Afgahnistan, Irak, Jugoslawien usw). Europa möchte gern weg von dieser Technik und entwickelt gerade ein eigenes System (»http://europa.eu.int/comm/enterprise/aerospace/aero_comm_de.pdf)
Galileo, so der Projektnahme, soll die europäische Alternative zum US-GPS sein und auch dementsprechend international vermarktet werden. Also wäre es doch wirtschaftlich wie politisch völlig schwachsinnig, die Mautbrücken auf ein System auszurichten, das man in naher Zukunft abschaffen will. Ergo benötigt man neben Mikrowellentechnik, Laserscanns und GPS-Technik noch einen Switch für die künftige europäische Satelittentechnik. Landläufig spricht man bei so etwas von "Systemüberfrachtung" - der wahre Grund, warum TollCollect zum jetzigen Zeitpunkt versagt hat. Wenn man öffentlich damit arbeiten könnte, wäre alles viel einfacher. Aber das eine soll die deutsche Bevölkerung nicht wissen, das andere soll den USA und ihren Industrie-Strategen nicht allzu deutlich werden.Und deshalb führt Herr Stolpe so einen Eier-Tanz auf.

TollCollect macht weiter. Es werden weiter Brücken aufgestellt. Schily, der Mann der das Pupillen-Scanning an öffentlichen Einrichtungen einführen möchte, macht ein paar Abstriche an seinen Anforderungen und gut ist. Achja, Siemens holt man noch mit ins Boot. Nach der Grundig-Pleite braucht man wieder einen versierten Techniker. Und die Technik macht ja Fortschritte und wichtig ist doch erstmal, das die Brücken für die Zukunftstechnik kompatibel sind.

"Das System ist in seiner Gesamtheit entwickelt, derzeit laufen die Tests, und mit denen sind wir sehr zufrieden" Sprecher von TollCollect in der Berliner Morgenpost


Quelle: »M.A.I.

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